Was meinen die Menschen, wenn sie von „der Kirche“ sprechen?
Abgeleitet ist das Wort aus dem griechischen kyriake; darin steckt kyrios=der Herr. Kyriake bedeutet „es gehört zum Herrn“. Dies ist angelehnt an die Vorstellung von der Wohnung Gottes. In vorchristlichen Kulten wurde die Wohnung Gottes oder der Götter oft, wie beim Olymp, auf dem Gipfel eines Berges gedacht.
Auch in der Gedanken- und Glaubenswelt der hebräischen Bibel ist diese Vorstellung enthalten, wie wir an den Bergen Zion und Sinai sehen.
Doch zurück zur Kirche: Kirche bedeutet zum einen das Gebäude, das Haus, in dem die Gemeinde sich zum Gottesdienst versammelt. Zum anderen meinen wir die Organisation und drittens kann die geistliche Gemeinschaft der „Gemeinde Jesu Christi“ gemeint sein, also die im Glauben durch den Geist Gottes Verbundenen.

Das Haus: in der christlichen Tradition können zwei Stränge unterschieden werden: Angelehnt an die israelitische Vorstellung vom Tempel als der Wohnung Gottes gilt in katholischer Tradition die Kirche als „Gotteshaus“, denn im Tabernakel mit den geweihten Hostien kann Gott als „wohnend“ gedacht werden.

In der Tradition der reformatorischen Kirchen hat die Kirche eher die Funktion eines Versammlungshauses der sich um das Wort sammelnden Gemeinde wie es in der jüdischen Synagoge der Fall ist. Ein evangelisches „Gotteshaus“ ist also ein eher fernliegender Gedanke.

Wenn von der Kirche als Organisation die Rede ist, dann geht es um Strukturen wie Pfarramt und Ortsgemeinde, Bistum und „Landeskirche“, Konzilien, Synoden und andere Organe und Ämter der Kirchenleitung.

Kirche als geistliche Größe, als Gemeinschaft der Glaubenden und Bekennenden ist eine Dimension, die niemals ganz in Strukturen darstellbar ist. Zwar ist das Bekenntnis immer Grundlage einer Kirchenstruktur, aber es geht als spirituelle Größe doch weit darüber hinaus.

Martin Luther unterscheidet daher die „sichtbare“ von der „unsichtbaren“ Kirche: Gebäude und Strukturen sind zwar für die Sinne sichtbar, aber sie sind nicht alles. Der Glaube und die Gemeinschaft, die er stiftet, ist zwar unsichtbar, aber grundlegend: Der glaubende Mensch steht in einem unmittelbaren Verhältnis zu Gott; er hat weder das priesterliche Amt noch eine kirchliche Tradition dafür nötig. Dies unterscheidet in der Ökumene die römische von der reformatorischen Tradition.

Wer undifferenziert von „der Kirche“ spricht, macht im Zweifel auch die eine für die Fehlleistungen der anderen verantwortlich.

Ulrich Helm