Veröffentlicht am Mi., 29. Apr. 2020 13:00 Uhr

Niemand kann sagen, wie viele Kinder und Jugendliche im Moment Hilfe benötigen. Denn gerade den Gefährdeten unter ihnen fehlt in Coronazeiten der aufmerksame Blick ihrer Erzieher*nnen, Lehrer*innen und Jugendmitarbeiter*innen. Umso wichtiger ist es, dass Nachbarn und Bekannte jetzt genauer hinschauen. „Kinder- und Jugendschutz geht uns alle an!“, sagt Petra Reh, Präventionsbeauftragte und insoweit erfahrene Fachkraft im Kirchenkreis Neukölln, und rät zu Sensibilität und Wachsamkeit im Corona-Alltag:

Unmittelbar mit Schließung der Kitas und Schulen gingen die Beratungsanfragen in meinem Arbeitsbereich spürbar zurück. Grundsätzlich eine logische Konsequenz und doch ein Grund zur Sorge! Denn die meisten Hinweise und Meldungen zum Kinderschutz kommen aus den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, sowie aus Schulen und Kitas. Auch wenn die Öffnung der Schulen nun langsam beginnt: der größte Teil dieser institutionalisierten Kontakte fällt weiterhin weg. Die erzwungene Nähe in den vergangenen Wochen in den Familien, die stark veränderten Arbeits- und Lebenssituationen und die wachsende soziale Unsicherheit haben viele Familien an den Rand der Belastungsgrenze gebracht. Und gerade jetzt fehlt die Fürsorge und Verantwortung von Fachkräften - der sogenannte Blick von außen.

Deshalb möchte ich herzlich dazu raten, dass wir in der Nachbarschaft jetzt umso aufmerksamer und zugewandter sind. Ein freundliches Wort, Toleranz und Verständnis bei wahrnehmbarer Toberei der Kinder aus der Nachbarwohnung oder gegenüber donnernder Musik von Jugendlichen, aber auch eine besondere Aufmerksamkeit bei lautstarken Auseinandersetzungen oder aggressiven Streitereien. Mutmaßlich eskalierende Konflikte in Nachbarwohnungen, in denen auch Kinder oder Jugendliche leben und betroffen sein könnten, sollen und müssen Sie bemerken. Und haben Sie bitte den Mut zur Reaktion, z. B. durch einen freundlichen Zettel im Briefkasten mit Telefonnummer von Krisendienst oder Beratungsstellen. Vielleicht bietet sich die Gelegenheit zu einem unbeobachteten und vorsichtigen Gespräch mit den betroffenen Kindern? Vielleicht kann man die Eltern direkt ansprechen? Bei vermutlich akut gefährdenden Situationen für Kinder oder Jugendliche rufen Sie bitte die Polizei. Bedenken Sie: Kinder- und Jugendschutz geht uns alle an! Nichthandeln kann Leben kosten. (Kinderschutz-Hotline: 030 / 610066).

Ich bin mir sicher, dass die Coronazeit uns alle beeinflusst und verändert hat - Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Wenn nun die Lockerungen einsetzen, braucht es besonders von den Fachkräften in den Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, von den Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas, von den Lehrerinnen und Lehrern an den Schulen, aber auch von unseren Mitarbeitenden in den Gemeinden ein hohes Maß an Sensibilität und Empathie, um mit den vermutlich sehr unterschiedlichen Erlebnissen und Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen umzugehen. Es gilt, die Beziehungs- und Vertrauensebenen wieder zu beleben und neu zu gestalten - mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit den Erziehungs- und Sorgeberechtigten.

Ich wünsche uns Allen die notwendige Aufmerksamkeit und Zeit, sich neu zu begegnen!

Ihre Petra Reh

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