Veröffentlicht am Mi., 29. Apr. 2020 17:30 Uhr

Ab dem 4. Mai sind in Berlin und Brandenburg wieder Gottesdienste für bis zu maximal 50 Personen möglich, sofern Abstands- und Hygieneregelungen eingehalten werden. Wie können wir die gottesdienstliche Gemeinschaft in unseren Kirchen in der aktuellen Situation verantwortbar gestalten? Und wie wird es sein, in dieser Form Gottesdienst zu feiern? Ein Interview mit Superintendent Dr. Christian Nottmeier über die Sehnsucht nach Normalität, lebensdienliche Gottesdienste und Verantwortung aus Nächstenliebe. 


Welche Auflagen müssen die Gemeinden beachten?

Die staatlichen Auflagen sehen ein "striktes Desinfektions- und Hygieneregiment" vor, wie es in der Berliner Verordnung heißt. Auch direkter Körperkontakt und das Weiterreichen von Gegenständen sind nicht erlaubt. Dann gelten die Abstandsregeln und eine maximale Teilnehmerzahl von 50 Personen, über die Anwesenheitslisten geführt werden müssen. Das alles gilt natürlich immer unter der Voraussetzung, dass genug Raum für so viele Menschen zur Verfügung steht, wenn der Abstand von 2 Metern zwischen den einzelnen Personen eingehalten wird. In kleineren Kirchen, wie etwa in unseren Dorfkirchen, wird die Zahl der Teilnehmenden also noch deutlich geringer sein. Hinzu kommen die Hygienehinweise von der Landeskirche und der EKD, die ich ausdrücklich unterstütze: die dringende Empfehlung des Mund- und Nasenschutzes, möglichst kein Gemeindegesang, keine direkten Köperkontakte - also auch kein Friedensgruß oder Abendmahl.

Wie gehen wir im Ev. Kirchenkreis Neukölln damit um?

Wir müssen uns fragen, ob der Gottesdienst um seiner selbst willen da ist, oder den Menschen dienen soll. Die Gottesdienste, die unter den Verordnungen möglich sind, werden andere sein als die, die wir gewohnt sind. Es sind keine "normalen" Gottesdienste. Ich verstehe, dass viele Menschen - mich eingeschlossen - die physische Nähe und die Gemeinschaft eines Gottesdienstes in der uns bekannten Form vermissen. Verantwortbar ist das Abhalten von Gottesdiensten unter diesen Bedingungen aber nur nach einer reiflichen Abwägung: Ist es möglich, in unserem konkreten Kirchgebäude so zu feiern? Welches Risiko bedeutet es für die Menschen, die kommen? Aber auch für die, die ehren- oder hauptamtlich an diesem Gottesdienst mitwirken? Das sind Abwägungen, über die die Gemeinden vor Ort entscheiden müssen. Diese Entscheidung darf nicht nur das Interesse der Gemeinde oder der vertrauten gottesdienstlichen Kerngemeinde im Blick haben, sondern auch das gesamte Gemeinwesen. Je nach Ort und Situation kann dann unter Umständen auch ein Verzicht ratsam sein. Ich warne davor, trotz der insgesamt positiven Entwicklung der Infektionszahlen zu meinen, die größten Gefahren lägen bereits hinter uns. Wir sollten uns daher fragen, ob der Gottesdienst in dieser Situation lebensdienlich ist. Das muss in jedem Einzelfall genau geprüft werden. Ich höre gelegentlich von einzelnen, wie sehr die Regeln sie nerven oder dass sie sich gegängelt fühlen. Aber die Einhaltung der Hygieneregeln ist auch ein Akt der Verantwortung und der Nächstenliebe. Ich verstehe die Sehnsucht nach Normalität. Aber die wird noch auf sich warten lassen. Natürlich sehe ich auch, dass die analoge Form wichtig ist, Menschen stärkt und ihnen Zuversicht gibt. Wo die gottesdienstliche Gemeinschaft in unseren Kirchen verantwortbar gestaltet wird und die entsprechenden räumlichen Voraussetzungen gewährleistet sind, kann das vertretbar sein. Ich rate aber zur Vorsicht: Vielleicht ist es gut, zunächst an wenigen Orten zu beginnen, um so die nötigen Erfahrungen zu sammeln.

Werden nun wieder in allen Gemeinden im Kirchenkreis analoge Gottesdienste gefeiert?

Das werden wir sehen. Angesichts der sehr unterschiedlichen Gebäude kann ich mir das nicht an allen Orten vorstellen. Im Moment gibt es einige wenige Gemeinden, die - unter den bekannten Einschränkungen - einen in der Regel verkürzten Gottesdienst anbieten wollen. Viele sind aber noch im Beratungsprozess. Ich rate hier dringend zu regionalen Absprachen. Das ist auch wichtig, weil wir die neu entwickelten digitalen Angebote nicht vernachlässigen sollten. Wir werden sie weiter brauchen. Ich wünsche mir, dass möglichst mehrere Gemeinden sich abstimmen, was sie in den kommenden Wochen gemeinsam und miteinander koordiniert anbieten wollen. Vielleicht können sich die Gemeinden in den drei Großregionen - also in Nordneukölln, Britz-Buckow-Rudow und der Südregion des Kirchenkreises – jeweils auf einen analogen Gottesdienst in der größten Kirche ihrer Großregion einigen, weil dort die Hygieneregeln am einfachsten eingehalten werden können. Es wäre sicher auch möglich, über einen Wechsel der amtierenden Pfarrpersonen nachzudenken. Zusätzlich könnte sich jede Großregion auch über je eine Andacht als Video, Podcast oder einen interaktiver Gottesdienst via Zoom abstimmen, dazu auch über eine schriftliche Form, die man auslegen oder verschicken kann.

Was heißt es, so Gottesdienst zu feiern? Wie werden sich unser Gottesdienste verändern?

Ich frage mich persönlich selbst, ob ein Gottesdienst ohne Gesang, mit Maske, Abstandsgebot und Einlassbeschränkungen die Form von Gottesdienst ist, die ich feiern möchte. Ich frage mich auch, ob das durch die Gemeinschaft der Feiernden irgendwie ausgeglichen wird. Es wird sicherlich - wie bei vielen digitalen Formaten auch - eine kürzere Form sein. Darin mag auch eine Chance liegen. Aber da möchte ich nichts beschönigen. Es wird in jedem Fall anders sein. Wichtig ist mir aber auch: wir haben in den vergangenen Wochen nicht aufgehört Gottesdienst zu feiern. Es hat auch bei den digitalen Gottesdiensten viele gute und motivierende Erfahrungen gegeben, die wir fortführen und weiterentwickeln können. Das wird unsere gottesdienstliche Praxis bereichern, auch wenn wir wieder "normal" feiern können. Aber diese "Normalität" liegt meiner Einschätzung nach noch in weiter Ferne.

Der Kirchenkreis lädt in der aktuellen Situation an jedem Sonntag zu einer Hausliturgie mit Audioandacht von Ihnen ein. Karfreitag und Ostern wurden als Videoandachten gefeiert. Werden Sie diese digitalen Formate fortsetzen?

Ich glaube, wir brauchen weiter verschiedene Formate. Die Hausliturgien werden wir seitens des Kirchenkreises auch für den ganzen Mai über anbieten. Und für den Pfingstsonntag planen wir wieder eine Videoandacht.

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