Veröffentlicht am Sa., 11. Apr. 2020 00:00 Uhr

Predigtimpuls zu 2. Korinther 5, 17 (Karfreitag, 10.04.2020)
(gehalten als Teil einer Videoandacht zur Sterbestunde)

Superintendent Dr. Christian Nottmeier

Ich stehe unter dem Kreuz. Wir alle. Wie jedes Jahr an Karfreitag. Ich höre die Geschichte von Jesu Tod. Lausche der Musik, sinne den Worten nach. „Es ist vollbracht“, sagt Jesus. „Und verschied“. Ja, sein Weg scheint hier zu Ende, die Mission vollendet, nach all dem Leid und der Gewalt. Fast friedlich, dieses Ende, mit sich und mit Gott versöhnt. Fast ein Hoffnungszeichen. Daran möchte ich mich klammern, in dieser Zeit.

Aber ich höre auch die andere Stimme in mir. Sie hat die Klage, den Schrei des Gekreuzigten im Ohr. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“  Diesen letzten Satz spricht er noch, dann bricht er tot in sich zusammen. Noch vor einer Woche war er im Triumph in Jerusalem eingezogen und nun ist alles anders, ganz anders. So schnell kann es gehen. Das Warum steht im Raum.

Ich stehe unter dem Kreuz. Ich stehe hier anders also sonst. Die letzten Wochen haben etwas verändert. Ein anderer werde ich sein, wenn diese Zeit vorüber ist. Mein Blick auf die Welt hat sich verändert. Ich merke das nicht nur beim Einkaufen, beim Achten darauf, niemandem zu nahe zu kommen. Am meisten fällt es mir bei Filmen oder Serien auf. Oder beim Betrachten von Fotos. Wie unbefangen alle miteinander umgehen. Wie nahe Menschen einander sind. Ganz selbstverständlich und unkompliziert. Ich vermisse das.

So stehe ich hier unter dem Kreuz. Nicht allein, sondern mit allen verbunden, die heute mitfeiern. Ich habe erfahren, wie schnell alles anders werden kann. Unter dem Kreuz empfinde ich beides. Die bohrende Frage nach dem Warum. Nach dem Sinn von Leid. Strafe etwa, Prüfung, Gericht? Ich kann und ich will darauf keine einfache Antwort finden. Ich kann und will Leid nicht irgendwie sinnvoll erklären. Welchen Sinn soll es haben? Aber ich will den Schmerz zulassen, der sich mit der Frage nach dem Warum verbindet, will ihn aushalten. Dabei ahne ich zugleich, dass unserer Gesellschaft noch schwere Fragen nach Leben und Tod bevorstehen, wenn die Kapazitäten in den Krankenhäusern an ihre Grenzen kommen sollten. Da wird sie mir wieder begegnen, die Frage nach dem Warum?

Aber ich sehe auch dies: dieses kleine Zeichen der Hoffnung. „Es ist vollbracht!“ Jesus jedenfalls gibt seinem Weg einen Sinn. Ganz am Ende, in den wenigen Worten, mit denen er stirbt. Dieses Ende kann vielleicht ein Anfang sein. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“, so hat der Apostel Paulus einmal beschrieben, was es für Menschen heißt, hinzusehen - auch und besonders auf das Kreuz. Und sich auf Jesus Christus einzulassen. Ich will am Karfreitag nicht vorschnell Ostern feiern. Ich will die Frage und den Schmerz aushalten. Ich will hinsehen. Aber ich will auch an der Hoffnung festhalten, dass nicht der Tod, sondern das Leben siegt.

Mit beiden Gedanken stehe ich unter dem Kreuz. Altes und Neues nah beieinander. „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“ – Ich ringe damit, gerade jetzt, in dieser Zeit. Das ist diese Zeit von Corona für mich auch: ein Ringen mit Gott. Um Hoffnung, um Schmerz, um das Warum, um Gottes Ja zu dieser Welt.

Mit diesen Gedanken stehe ich unter dem Kreuz. Nicht allein, sondern mit Ihnen allen heute verbunden. Nicht allein, sondern verbunden mit dem, der da hängt. Der gerungen hat mit seinem Gott, gelitten, gekämpft, geweint, geklagt, verstorben. Der aber selbst in der Klage der Gottverlassenheit noch „mein Gott“ ruft und so mit ihm verbunden bleibt.

Das bedeutet wohl dieser Karfreitag heute für mich: die Spannungen aushalten, von meinem Gott nicht lassen, das Wagnis des Glaubens und Vertrauens eingehen. So will ich zu ihm gehören und in Christus sein. Auch wenn ich -  und wir alle - nicht wissen, was wir in den nächsten Wochen noch erleben werden. Vielleicht ist es gut, gerade jetzt genau auf dieses Kreuz zu schauen, weg von meinen Ängsten und Sorgen, hin zu dem, der auch meine Ängste und Sorgen trägt. So wie Paul Gerhardt es mit Blick auf das Kreuz gedichtet hat:

Wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Not und Pein.


Videoandacht zum Karfreitag mit Ansprache von Christian Nottmeier:

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