Veröffentlicht am Fr., 10. Apr. 2020 17:48 Uhr

Predigtimpuls für Gründonnerstag (9. April 2020)
(als Audioandacht eingesprochen als Teil einer Hausliturgie)

Superintendent Dr. Christian Nottmeier

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Ansprache zum Nachlesen (PDF)

Entschlossen blickt er nach vorne. Das Gesicht wirkt ernst und bestimmt. Ein wenig unnahbar sieht er aus, wie er so über die Menschen unter ihm hinwegschaut. Aus Stein ist er gehauen, wie für die Ewigkeit bestimmt. Seit 1998 trotzt Dietrich Bonhoeffer so Wind und Wetter. Gut sichtbar als Statue in einer der gotischen Nischen am Westportal der Westminster Abbey in London. Als einen Märtyrer und Zeugen des christlichen Glaubens im 20. Jahrhundert ehrt die anglikanische Kirche damit den deutschen Pfarrer und Widerstandskämpfer. Als einen Menschen, der aus seinem christlichen Glauben Konsequenzen gezogen hat, die ihn schließlich das Leben kosteten.

Ob sie ihm gefallen würde, diese Statue? Ein Heiliger, das wollte er nicht werden, so schrieb Bonhoeffer 1944 noch aus dem Gefängnis. Und er erinnerte sich, wie er 13 Jahre vorher einen französischen Pfarrer getroffen hatte. Beide damals Mitte 20 Jahre alt, hatten sie darüber gesprochen, was sie einmal werden wollten. Ein Heiliger, so hatte der Franzose gesagt. Bonhoeffer antwortete bescheidener: „Ich möchte glauben lernen.“ Auf seinem weiteren Lebensweg hat er sich von der Vorstellung eines besonders „heiligen Lebens“ dann noch mehr entfernt. Nein, „erst in der vollen Diesseitigkeit“ habe ich glauben gelernt, schreibt Bonhoeffer. Und meint damit: Indem ich mich auf die Aufgaben um mich herum eingestellt habe, auf die Erfolge ebenso wie die Misserfolge. Indem ich mich mit meinem Leben ganz Gott in die Arme geworfen habe. Bonhoeffer schrieb diese Zeilen einen Tag nach dem misslungenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944. Ihm war klar, dass die Rache der Nazis auch ihn treffen würde. Und dennoch zeigt er keine Spur von Verzweiflung. Vielmehr Dankbarkeit, dass er diesen Weg gehen konnte.

Ob sie ihm gefallen hätte, diese Statue an der Westminster Abbey, wo er doch kein Heiliger sein wollte? Immerhin, bildlich drückt sie aus, was Bonhoeffer für viele heute geworden ist. Kein Heiliger, dessen Leben und Handeln einfach zu kopieren wäre. Aber doch ein Vorbild. Als ein Mensch, der seinen Weg gesucht und gefunden hat. Der sich den Problemen seiner Zeit gestellt hat. Ein Mensch, der sich auch im Scheitern von Gott getragen wusste. Ein Mensch, der mich ermutigt, meinen Weg engagiert zu gehen, weil Freiheit und Verantwortung zusammengehören.

Bonhoeffer wurde heute von 75 Jahren ermordet. Dennoch: Sein Beispiel bleibt. Ebenso wie seine zum Teil bewegenden Texte. Das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das viele Menschen gern singen und beten, gehört dazu. Bonhoeffers Weg ist sicher eines jener Gedächtniszeichen, von denen der 111. Psalm spricht. Natürlich denken wir am Gründonnerstag an Brot und Wein, an das Abendmahl, das uns verbindet und das wir jetzt in der gewohnten Form

nicht feiern könnten. Um so wichtiger ist, dass es beim Abendmahl nicht nur um Essen und Trinken geht, sondern um ein sichtbares Zeichen des Gedenkens, der Erinnerung und des Vergegenwärtigens. So meint es auch der 111. Psalm. Es geht um Zeichen von Gottes Güte und Barmherzigkeit, die auch im Schweren und Dunkeln tragen. Gott vergisst seine Zusagen und seine Treue nicht. Bonhoeffer hat das zu seiner Zeit erfahren und so Glauben und Vertrauen gelernt.

Auch wenn unsere Situation trotz der Corona-Herausforderungen eine andere ist als die Bonhoeffers: Sein Beispiel macht mir Mut, mich jeden Tag neu auf das Wagnis des Glaubens einzulassen. Dazu gehört auch die Erfahrung, die Bonhoeffer in einem kleinen Glaubensbekenntnis formuliert hat, das mir gerade jetzt wieder besonders ans Herz gewachsen ist – auch als Erinnerung an Gottes Liebe. Darin heißt es: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Das will ich im Gedächtnis behalten an diesem Abend und den Tagen, die noch kommen.


Foto: Pixabay CC0

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