Veröffentlicht am Mi., 25. Mär. 2020 12:20 Uhr

Ihre Dorfkirche und das Gemeindezentrum sind im Herzen von Rudow. Wie erleben Sie hier diese besondere Zeit der Corona-Krise?

Ich erlebe diese Zeit als eine schwere, bleierne Situation. Der Frühling springt einem hier am Rande der Stadt gewissermaßen entgegen. Alles blüht unter dem schönen blauen Himmel. Aber da ist diese unsichtbare Gefahr. Die Kirche, das große Gemeindezentrum mit der Kita, auch das Gemeindezentrum im Geflügelsteig und nach und nach auch all die kleinen Läden - alles geschlossen. Schiene nicht die Sonne, es wäre gespenstisch. Das Lärmen der Kitakinder, das hier zu unserem Arbeitsalltag gehört, ist verstummt. Der Kalender ist voll und kann zur Seite gelegt werden. Die Tage und Abende bleiben gefüllt. Alles ist anders. Wir Kollegen sind im dauernden Austausch. Die Tastaturtasten des Computers beginnen zu glänzen. Dass es Ohrenweh vom vielen Telefonieren geben kann, wusste ich vor zehn Tagen noch nicht. Wir werden als Pfarrer*innen telefonisch sehr in Anspruch genommen. Seelsorge natürlich, aber auch die Frage, wie man Kirche anders in dieser Zeitenwende sichtbar macht und wie man "den Laden am Laufen" hält.

Zu anderen Zeiten feiern Sie in der Dorfkirche gut besuchte Gottesdienste. Welche Formen gottesdienstlicher Gemeinschaft gibt es bei Ihnen jetzt?

Der Schmerz mancher regelmäßiger Gottesdienstbesucher am ersten Sonntag der Kirchenschließungen war in den Gesichtern ablesbar. Das erste Mal seit 66 Jahren (Wiedereinweihung der im Krieg zerstörten Kirche) keine Glocken, kein Gottesdienst! Das war schwer. In einem großen Kreis mit etwa zwölf Personen haben wir an diesem kalten, sonnigen Morgen vor der verschlossenen alten Kirchentür eine kurze Andacht gefeiert, Taizélieder gesungen, gebetet. Das hat uns gestärkt und getröstet. Letzten Sonntag haben hier das Läuten der Glocken gehört und jede/r für sich gebetet. Dass man gemeinsam "einsam" sein kann und doch geistlich verbunden, ist eine besondere spirituelle Erfahrung dieser Tage. Auch dass ein Mittagsgebet am Mittwochmittag stattfindet, ist über unsere Medien und Aushänge, Telefonate und Buschfunk (Rudow ist ein Dorf!) bekannt geworden. Viele Ältere, die zu uns gehören und hochverbunden sind, nutzen die sozialen Medien nicht. Jüngere sind mit uns dagegen auf diesem Wege im guten Austausch. Auch haben wir im Kirchgarten eine "offene Kirche" der besonderen Art aufgebaut: Ein schöner Gartentisch, ein Kreuz, eine Primel, darum im großen Abstand zueinander unsere roten Gartenstühle.  

Welche Nachricht hat Ihnen in den letzten Tagen Hoffnung gegeben?

Gute Frage! Ich spüre, dass die Losungsworte mich in dieser besonderen Passionszeit anders berühren als sonst. Ich lese das Gebet von Dietrich Bonhoeffer:
„Herr, in mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht" oder sein Glaubensbekenntnis: "Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus." 

Aber auch ein kleiner Film, den mein Sohn mir am Samstag zuschickte: Vor ihm der große Alexanderplatz in Mitte, menschenleer. Fast poetisch sah das aus, wie er seine Freundin um den Brunnen Fahrrad fahrend filmte, mitten am Tag. Das hat mir gutgetan und Mut gemacht, zu sehen, dass die Menschen dieser Stadt die Lage ernst nehmen, in Verantwortung gehen und bereit sind, füreinander Verzicht zu üben. Ich denke, das ist das Gebot der Stunde und eine ganz neue geistliche Übung, die auch mir die Furcht vor dem, was kommt, zu überwinden hilft.

Das Interview führte Ebba Zimmermann

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