Veröffentlicht am Di., 24. Mär. 2020 14:39 Uhr

Gedanken zu Jesaja 66, 13a (Predigttext am Sonntag Lätare, 22. März 2020) 

Superintendent Dr. Christian Nottmeier

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Ich bin keine Mutter, sondern ein Vater. Und das bin ich gerne, sehr gerne sogar. Ich glaube auch, dass ich als Vater ganz gut trösten kann. Aber es gibt dann doch Situationen, in denen ich neidisch werde und in denen mir die Beschränktheit und Unzulänglichkeit meiner Rolle als Vater bewusst wird. Ich habe dieses Problem mittlerweile ausreichend an meinen vier Kindern studieren können. Das Ergebnis ist: es liegt nicht an mir. Und es liegt auch nicht an einem meiner Kinder, weil das mich verstörende Phänomen bei allen meinen Kindern aufgetreten ist. Forschungen im näheren wie weiteren privaten Umfeld sind zum gleichen Ergebnis gekommen: es ist wirklich nicht meine Schuld – da es nicht nur mir so ergeht.  

Ich habe das oft so erlebt: der Sohn oder die Tochter, vielleicht zwei oder drei Jahre alt, hat eben noch wie wild auf dem Spielplatz getobt. Dann ist er gefallen, ein Schrei, das Knie blutet eine wenig. Meine Frau und ich rennen gleichzeitig auf ihn zu, die Arme offen. Zielsicher steuert das Kind die offenen Arme meiner Frau an. Es wird hochgehoben, sie streichelt ihm über das Gesicht voller Tränen, sie pustet ein wenig über die Wunde und sagt: „Ich bin ja da, das wird wieder gut“. Dann gibt es vielleicht noch ein kleines Pflaster mit irgendeinem Kindermotiv und alles ist wieder gut.  

Mich lässt das immer erstaunt und ein wenig neidisch zurück. Ich meine nämlich, dass ich das auch genauso gut könnte wie meine Frau. Aber bei kleinen Kindern ist es so etwas wie ein Urinstinkt, dass sie zielstrebig die Mutter anstreben. Das Bild für Geborgenheit schlechthin.

Wir Menschen sind trostbedürftige Wesen. Aber es fällt uns schwer, Trost zu finden. Das muss nicht unsere Schuld sein. Es gibt Situationen, in denen Trost sich nur schwer einstellt. Gerade dann, wenn sich Unsicherheit breitmacht wie in diesen Tagen der Corona-Krise. Zur Erfahrung des Lebens – auch in dieser Krise – wird aber ebenso gehören, dass nicht immer und gleich alles wieder gut werden wird. Es ist das Geschenk der Kindheit, so unmittelbaren und unverwechselbaren Trost zu erfahren wie in den Armen der Mutter.  

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Unser Trost ist begrenzt. Wir versuchen zu trösten und uns trösten zu lassen. Oft sind wir einander eine große Stütze. Auch das erleben wir in diesen Tagen, in denen wir physisch Distanz halten müssen.  Meine Erfahrung ist aber auch, dass Trost nur dann einigermaßen gelingen kann, wenn Unsicherheit, Angst und Schmerz ihren Raum erhalten.

Das ist vielleicht unsere größte Angst: Vertröstet zu werden. Ich erlebe das oft. Und ich verstehe diese Angst. Wie leicht sagen wir das dahin: „es wird schon wieder“ oder „die Zeit heilt alle Wunden“? Aber manchmal ist das eine Lüge. Sie muss nicht böse gemeint sein. Wir sagen und denken das manchmal, um selber den Schmerz oder die Angst nicht aushalten zu müssen. Dabei sind sowohl Schmerz als auch Angst lebensnotwendige Gefühle. Sie machen uns zu Menschen. Wo wir sie nur unterdrücken, verfehlen wir ein Stück unseres Menschseins. Auch Trost kann sich nur da einstellen, wo der Schmerz ausgesprochen, die Angst ernst genommen und die Vergangenheit bearbeitet wird. Nur so kann Trost eine Zukunft eröffnen.  

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Es spricht für die Vielfalt der biblischen Bilder von Gott, dass die Bibel nicht nur von Gott dem Vater sprechen kann, sondern ebenso weibliche Bilder für Gott gebrauchen kann. Bilder wie das der Mutter, die Geborgenheit, Trost und neuen Mut schenkt. In diesem Bild liegt ein Versprechen. Gott sagt: Ich bin da, wenn du mich brauchst. Ich sehe deinen Schmerz und halte dich in meinem Arm. Neben der Nähe, der Geborgenheit, liegt darin aber ebenso die Aussicht darauf, dass es wieder besser werden wird, dass der Schmerz vergeht und das Leben weitergehen wird. Der Trost, der den Schmerz ernst nimmt und die Hoffnung, dass es auch wieder besser werden wird – beides liegt in diesem Bild von der tröstenden Mutter ganz nah beieinander.  

Wenn wir diese Bilder Gottes auf uns wirken lassen, dann bestärkt uns das in dem Vertrauen, dass unser Leben mit ihm gut sein kann, bei ihm gut werden wird. Denn auch Gott kann weitersehen. Zu Passion und Ostern denken wir in besonderer Weise daran. Weil Jesus als Mensch gelebt und in seinem Tod am Kreuz alle menschlichen Ängste und Tiefen durchlitten hat.

Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann dieses: dass unsere Gemeinden besonders jetzt auch solche Trostgemeinschaften sind. Dass wir so auch in der Distanz einander nahe sind. Eine Nähe, in der wir ein tröstendes Miteinander erfahren. Dass Gott auch in der Ungewissheit, im Schmerz und in dieser besonderen Zeit Ja zu uns sagt. So wie der Lieddichter Jochen Klepper es beschrieben hat: „Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin. Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.“

Foto: Jordan Whitt auf Unsplash

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