Veröffentlicht am Fr., 27. Dez. 2019 00:00 Uhr

Predigt am Heiligen Abend 2019 (Christvesper) in der Bethlehem-Kirche Berlin-Neukölln

Superintendent Dr. Christian Nottmeier

Predigttext Ezechiel 37, 24-28

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind, auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“ So haben wir es eben gesungen zu Beginn dieses Gottesdienstes. Ja, alle Jahre wieder feiern wir Weihnachten. Alle Jahre wieder versuchen wir, es uns schön zu machen an diesen Tagen – uns, unseren Lieben, den Menschen, die uns wichtig sind. Wir freuen uns auf diese Zeit, setzen hohe Erwartungen in diese Tage. „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, so singen es die Engel in der Weihnachtsgeschichte. Und die Engel der himmlischen Heerscharen bringen damit die große Sehnsucht auf den Punkt, die mit Weihnachten verbunden ist. Da geht es dann nicht vorrangig um die große Politik oder um kirchliche Aufrufe zu dieser oder jener politischen Tagesfrage – so wichtig sie auch sein mag. Es geht ebenso, oft sehr privat, sehr persönlich, aber deshalb vielleicht auch existentieller, um den Frieden, den ich mir wünsche: in meinem Leben, meinen Beziehungen, meiner Familie, meinem Umfeld. Darum, dass ich Heimat finde, nicht nur im Sinne eines Ortes, sondern Heimat in meinem Leben, in dem, was es ausmacht. Alle Jahre wieder – diese Sehnsucht.

Zu dieser Sehnsucht gehören auch innere Bilder, gehört der Sound von Weihnachten. Die Lieder etwa, die Krippen, mit denen wir unsere Zimmer und Kirchen schmücken – ja, auch ein Bild von Familie – und natürlich die alten Geschichten, die wir jedes Jahr neu hören, allen voran die Weihnachtsgeschichte in der unübertroffenen Übersetzung von Martin Luther. „Es begab sich aber zu der Zeit…“ Ja, wenn ich das höre, dann ist wirklich Weihnachten!

Alle Jahre wieder, dazu gehören auch die eigenen weihnachtlichen Erinnerungen, meist mit der frühen Kindheit verbunden. Ich bin dankbar (und weiß, dass das nicht selbstverständlich ist), dass meine gute sind. Sie haben etwas von einem frommen Zauber.[1] Ich trage sie mit, sie sind ein Schatz, den mir niemand nehmen kann.

Da ist das große Wohnzimmer, das meine Eltern einige Tag vor dem Heiligen Abend verschlossen und das mein Bruder und ich nicht mehr betreten durften. Ziemlich geheimnisvoll. Da ist der Abend mit Kirchgang und dann dem Warten in unseren Kinderzimmern. Warten, bis dann mein Vater ein kleines Glöckchen läutete und die Tür geöffnet wurde. Den Klang habe ich noch heute im Ohr. Und dann der Weihnachtsbaum, für mich immer besonders faszinierend. Der Duft nach Tannen, vor allem aber der Glanz – echte Kerzen natürlich, was sonst. Die Weihnachtsgeschichte, die meine Oma und später dann ich aus der alten Familienbibel von 1912 vorlasen. Das war schon eine verzauberte Welt, ein besonderer Glanz. Natürlich gab es auch die Dinge, die die Festlaune trübten. Unverständlich etwa, dass wir die Geschenke erst nach einem langen Essen öffnen durften, was unsere friedliche Stimmung nicht gerade gefördert hat. Merkwürdig auch die Enttäuschung, ja fast der Zorn, als sich meine Vermutung bestätigte, dass weder Christkind noch Weihnachtsmann für meine Lego-Eisenbahn verantwortlich war (meine Mutter hatte vergessen, ein Preisschild zu entfernen). Und nicht schön, wenn die eine oder andere Nickeligkeit zwischen meinem Bruder und mir oder meinen Eltern auch an diesem Abend ausgetragen wurde. Und trotzdem, der besondere Glanz, der Zauber dieses Abends. Ein Stück Heimat, auch wenn sich inzwischen vieles, ja fast alles verändert hat.

Die biblischen Geschichten und Verheißungen, die zu Weihnachten gehören – auch sie haben wir eben gehört – nehmen diese Hoffnungen auf. Der König, der da kommen soll, soll Orientierung, Ordnung bringen. Ganz anders kommt er als weltliche König und Herrscher. Er kommt in eine unruhige, verstörte Welt, heute ebenso wie vor 2000 Jahren. Er kommt zu Menschen, die sich in aller Veränderung und allem Wandel auch nach Beständigkeit sehnen. Heimat in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten droht, ist auch da ein Thema. Auch bei einem Propheten wie Hesekiel, der diese Sehnsucht vor 2600 Jahren formuliert:

 „Und die Menschen sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. … 26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. ….27 Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein … .“

„Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind, auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind“ – ich singe und verstehe das, auch im Blick auf die weihnachtlichen Texte und Bilder so: Gott stellt sich meiner Sehnsucht an die Seite, auch meiner Sehnsucht nach innerer Heimat, nach Beständigkeit, nach Wiederverzauberung der Welt. Denn auch das geschieht Weihnachten: allen Schwierigkeiten, allen Überforderungen, allem Unfrieden zum Trotz legt sich ein Glanz, ein Zauber auf unsere Welt und unser Leben. Und die Hoffnung, dass Gottes Friede wirklich unser Begleiter ist, wirklich unter uns wohnt.

Ja, Weihnachten will das Kind in mir Heimat finden. Und nicht nur das Kind, in meinem eigenen Leben, in dieser Welt will ich zu Hause sein, will mich auf diese Welt einlassen, will erfüllt sein mit Leben, Liebe und Freude, will das Gute sehen in dieser Welt. Ein Glanz soll da sein, so wie er durchscheint in den alten Kindheitserinnerungen, in den Lieder und Geschichten.

Dazu brauchen wir eine Geschichte wie die Weihnachtsgeschichte, gerade weil es eine Geschichte ist, die zunächst gar nicht, aber auch überhaupt nichts mit Ruhe und Frieden und Besinnlichkeit zu tun hat. Sondern sie führt uns zunächst in eine scheinbar ganze ferne Welt einer vernachlässigten Randprovinz eines Weltreiches und zeigt uns zwei Menschen, die gleichsam kollektiver behördlicher Willkür ausgesetzt sind. Nur einer Laune der Politik willen müssen sie sich auf den mühsamen Weg in die Geburtsstadt des Mannes machen, um sich so in Steuerlisten eintragen zu können. Und auch sonst ist alles höchst unerfreulich: kein Raum in der Herberge, sondern nur ein klägliches Notquartier. Und mitten in diese Trostlosigkeit hinein, mitten in die Menschen hinein, die hin- und hergeworfen werden, die nicht recht wissen, wie ihnen geschieht, ereignet sich ein Wunder, das sich doch auch sonst tausendfach ereignet, aber das für den, der es einmal miterlebt hat, ganz außergewöhnlich ist. Ein Leben beginnt, ein Leben wird geschenkt. Ein Leben, in dem Gott zur Welt kommt. Und mitten hinein in den Alltag, in all die Widrigkeiten hinein, leuchtet der Glanz neuen Lebens, neuer Hoffnung, neuen Sinns. Ein neuer Glanz legt sich auf diese Welt.

An dieser Krippe, von der dieser Glanz ausgeht, stehen wir, in unseren Kirchen und Häusern, heute, an diesem Abend und den kommenden Tagen. Ein Glanz soll von ihr ausgehen ein Leuchten, das unser Leben in ein neues, ein nicht vergängliches Licht stellt. Eines, das nicht aus uns selbst kommt, sondern uns verweist auf die Quellen unseres Selbst, die wir nicht in der Hand haben, aus einem Sinn, der uns unbedingt gilt, aus einem Gott, der uns einen ewigen Wert zuspricht.

Dem entspricht die Botschaft der Engel: Fürchtet euch nicht. Und schon klingt die Erfahrung von Furcht und Leid in dieser Welt mit. Für euch ist heute etwas geschehen. Nicht du musst sagen: Ich will ganz sein, heil sein, authentisch. Nein, du wirst es sein, aber nicht aus dir, sondern aus diesem Kind heraus, in dem dir Gott begegnet. Nicht immer, aber hoffentlich immer öfter kann ich das spüren. In meinen Leben zu Hause sein, weil Gott mit mir mitgeht, Mensch geworden, an meiner Seite.  Christus kommt auf die Erde, mitten in dieser Welt ist ein Stück Himmel gegenwärtig, alle Jahre wieder – das will ich gerne glauben und feiern. Nicht immer kann ich es wirklich begreifen, oft scheint es mir fern. Und doch, mein Leben ist geborgen in Gott, da ist eine Bleibe, ein Heimat. Mitten in dieser Welt, mitten in meinem Herzen. Auch wenn es manchmal verzagt und in sich selbst verkrümmt ist. Denn gerade dann gilt, was das Eingangslied in gewiss schlichter Sprache so zum Ausdruck bringt: „Steht auch mir zur Seite/ still und unerkannt, /dass es treu mich leite/ an der lieben Hand.“  

[1] Für mich auch verbunden mit der letzten Strophe von Theodor Storms „Weihnachtslied.“



„Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.
Ein frommer Zauber hält mich wieder
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.“

Foto Pixabay CC0

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