Veröffentlicht am Mo., 6. Jan. 2020 13:00 Uhr

Predigt in der Andacht zu Epiphanias am 6. Januar 2020 in der Magdalenenkirche, Berlin-Neukölln

Superintendent Dr. Christian Nottmeier  

Predigttext: Mt 2, 1-11;

Liebe Gemeinde!

Zu den, wie ich finde, großartigen Erfindungen des vergangenen Jahrzehnts gehört für mich Netflix. Netflix hat meine Fernsehgewohnheiten komplett verändert – wie Mediatheken und andere Streamingdienste auch. Denn manchmal schaue ich halt gerne fern, lasse mich in andere Welten und Zeiten entführen. Deshalb mag ich Serien. Und der Vorteil von Netflix ist, dass man nicht mehr zu einer bestimmten Zeit vor dem Fernseher sein muss, damit man die Folgen nicht verpasst. Sondern man kann immer und überall schauen. Auch hier ist die Welt ein Stück mehr verfügbar geworden. Fast alles ist nur einen Click weit entfernt. Das hat sicher auch problematische Seiten. Aber dennoch: an dieser Stelle nutze ich das gerne. Gerade nach einem langen Tag, vielleicht mit der einen oder anderen Sitzung, kann ich mit einer wirklich guten Serie ziemlich schnell auf andere Gedanken kommen und mich wirklich entspannen.  Einfach mal runterkommen eben.

Eine meiner Lieblingsserie der letzten Zeit heißt „The Crown“ – inzwischen läuft die dritte Staffel. Es geht um die Queen und ihre Familie, gerade ist es die Zeit der späten 60er Jahre. Die Sache ist aufwendig produziert, mit einem Etat von 80 Millionen die bisher teuerste Serie von Netflix. Besonders interessant finde ich, welche hohen formalen Anforderungen des Protokolls, der Traditionen, der vermeintlichen Würde des Amtes auf dieser Institution des englischen Königtums lasten. Und damit natürlich auch auf den Personen, die diese Ämter ausfüllen. Das alles kann man sich denken, hat man vielleicht auch schon irgendwo gelesen, aber hier ist noch einmal , eindrücklich inszeniert: gerade mit Figuren wie dem Prinzgemahl Philip – der sich als Endvierziger in einer veritablen Midlife-Crisis befindet und diese schließlich in einer Selbsthilfegruppe anglikanischer Geistlicher bearbeitet – oder dem jungen Charles, der an den Protokollanforderungen und einer emotional wenig einfühlsamen Mutter fast zerbricht. Irgendwie ist die Monarchie mit ihren Formen hier bei allen Modernisierungsversuchen auch ein Stück Mittelalter.

Auch wenn die Queen praktisch keine politischen Kompetenzen mehr hat, ist sie einem strengen Protokoll unterworfen, das sie penibel einhält. Das geht es um Würde, Autorität, Repräsentation des Staates und noch immer bedeutsame Relikte imperialer Größe. Undenkbar etwa, auch noch heute, das die Königin bei einem der wenigen offiziellen Anlässe, zu denen sie noch ihre Krone trägt, diese gleichsam wie einen Hut lüften würde. Das machen Hutträger ja gelegentlich. Früher etwas zum Gruß oder wenn man einen besonderen Ort, etwa eine Kirche betritt. Aber Könige grüßen nicht mit ihrer Krone. Das geht, schon vom Selbstverständnis her, gar nicht.

Auf dem mittelalterlichen Kapitell in der Kathedrale von Autun in Burgund, das Sie mit dem Liedblatt in den Händen halten, passiert genau das. Zumindest wird es angedeutet. Dargestellt ist die Anbetung der Könige. Die drei gekrönten Häupter bringen ihre Geschenke. Offensichtlich ist seit der Geburt des Kindes schon etwas Zeit vergangen, denn für einen Säugling sieht dieser Jesus schon recht groß aus wie er da auf dem Schoß der Mutter sitzt. Und greift ziemlich zielsicher nach Geschenken. Man merkt, das Kind findet die Bescherung super!  Maria und das Kind scheinen auch nicht mehr in einem Stall, sondern einem – schaut man auf die Dachkonstruktion – eher veritablen Haus untergebracht zu sein.

Während der Übergabe fasst sich einer der Könige an die Krone. Es ist nur eine Bewegung. Aber angedeutet ist auf jeden Fall, was gleich passiert. Als Zeichen der Ehrerbietung wird dieser König gleich seine Krone abnehmen. Besonderes ist hier passiert, mit diesem Kind. Dem gehört die Ehre, nicht den gekrönten und im Alten Testament wie im Mittelalter ja auch gesalbten Häuptern. Damit werden wirklich die Werte, die sonst zählen in dieser Welt – Macht, Einfluss, Geld – umgewertet. Kein König würde freiwillig seine Krone absetzen, kaum jemand so ohne weiteres auf Macht und Einfluss verzichten – bei dieser Anbetung der Könige geschieht es.

Netflix gab es im Mittelalter nicht, klar. Aber die Bilder in den Kirchen und Kathedralen waren so etwas wie das Netflix des Mittelalters. Wer in die Städte kam, zu den Kathedralen, wurde dem eigenen Alltag enthoben. Das schaffte man nur selten. Und wenn man dann nicht lesen konnte, die Sprache der lateinischen Messe nicht verstand, dann waren es die Bilder, die besonders wichtig wurden. Denn in diesen Bildern wurde die biblische Geschichte anschaulich gemacht. Das war, mit Verlaub, ganz großes Kino. So wurde die Bibel in Szene gesetzt. In wenigen Strichen, aber mit großer Kunst konnte das geschehen. Für den Künstler bedeutete das äußerste Konzentration auf das Wesentliche. Für die Geschichten aus dem 2. Kapitel des Matthäus-Evangeliums hatte er gerade mal drei Bilder. Er wählte den Traum der Könige, ihre Anbetung des Kindes und die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten. Mehr Folgen gab es in dieser Serienstaffel nicht. Bei der Gestaltung kam es deshalb darauf an, dass sich vielleicht ein oder zwei Dinge einprägen und einen dann in den Alltag begleiteten, Bilder, Gedanken, die einen nicht loslassen. 

Dass Könige ihre Krone abnehmen, muss damals eine ziemlich subversive Botschaft gewesen sein. Jedenfalls ein Denkanstoß. Dass sowas geht! Das wird nur angedeutet, schlicht dargestellt, aber erweist sich als tiefgründiger Gedanke. Die Ordnungen dieser Welt, auch die allesbeherrschenden Hierarchien oder vermeintlich alternativlosen Sachzwänge, sind allenfalls vorletzte Ordnungen. Es gibt eine andere Wahrheit, eine andere Herrlichkeit, die sich in dieser Welt zeigt. Weihnachten haben wir sie gefeiert, und in den Geschichte des Matthäus werden sie eindrücklich dargestellt: sie handelt von der Kraft der Träume, von der Umwertung der Werte, aber auch von der Bedrohung dieser Hoffnung – symbolisiert durch den finsteren König Herodes, der gar nicht daran denkt, seine Krone einmal abzunehmen. Diese Weisen aus dem Morgenland, die Könige in ihrer Anbetung, haben sich jedenfalls diese Träume, ihren Glauben nicht nehmen lassen. Deshalb können sie auch einmal ihre Krone abnehmen, ohne dass ihnen ein Zacken daraus fällt.

In den biblischen Geschichten, in den Botschaften, die wir daraus für uns erkennen, geht es vielleicht genau darum, diese Hoffnung wach zu halten, die sich auch hinter diesem Bild aus Autun verbirgt. Dass da ein Sinn in dieser Welt ist, dass Gott sich mir schenkt, als das Kind, in dem ich zu Gottes Kind werde. Dass ich in seiner Liebe, seiner Treue, auch seinem Leid geborgen bin. Dass diese Liebe  diese Welt verwandelt,  so wenig sie manchmal in dieser Welt sichtbar zu sein scheint. Dass sich in dieser Liebe mein Leben, diese Welt und auch unsere Kirche immer ändern und erneuern  kann. Auch das wollen wir ja in der Gemeinschaft der Christenmenschen, die das Evangelium weitertragen in ihre Bezüge, unterstützen, befördern und ermöglichen. Weil diese Liebe uns und anderen Menschen gut tut, um Kraft zu finden, getröstet zu werden oder einfach auch um abends mit meinen Gedanken runterzukommen. Da kann diese Liebe mehr als es jede noch so gute Netflix-Serie. Die mindestens ebenso einprägsamen Bildern, die mich, die uns auf meinem, auf unserem Weg auch ins neue Jahr begleiten. Damit wir hinausgehen können, in diese Welt, ins neue Jahr, in neue Lebensabschnitte, aber immer unter der Gottes Gnade, seinem Segen und seinem Frieden. Egal, was war oder noch kommt. Weil unsere Zukunft offen ist.

Amen. 

Foto des Kapitells „Anbetung der Könige“ in der Kathedrale St. Lazare in Autun/Frankreich: Christophe.Finot, CC BY-SA 1.0 via Wikimedia

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