Veröffentlicht am Sa., 28. Dez. 2019 09:25 Uhr

Ich glaube, hilf meinem Unglauben! (Markus 9,24) - Jahreslosung 2020

Seit 1731 erscheinen die Herrnhuter Losungen der Brüdergemeine. Vielen Christenmenschen sollen die täglichen Losungen Trost und gutes Weggeleit geben. Ein Wort, mit dem ich den Tag beginne oder vielleicht abschließe, jedenfalls ein Wort, das meinen Alltag unterbricht – das ist mir wichtig an den Losungen.

Ich gebe aber auch freimütig zu, dass nicht jeden Tag das entsprechende Losungswort zu dem passt, was mich bewegt. Aber eigentlich immer regt es mich an, wenigstens einen Moment lang nachzudenken, aufzuschauen aus dem Strom der Gedanken und Beschäftigungen und mich unterbrechen zu lassen.

Besonders wichtig sind mir die biblischen Worte, die mich als Jahreslosung begleiten. Als Pfarrer versuche ich im Laufe eines Jahres immer wieder darauf zurückzukommen. Sie begleiten mich im Lauf der Zeit und helfen mir zur Konzentration auf das Wesentliche. Sie machen immer einen zentralen Aspekt oder Gedanken des christlichen Glaubens und Lebens stark, setzen ein Ausrufezeichen hinter das, auf das es wirklich ankommt.

In besonderer Weise gilt das wohl für die Losung des neuen Jahres 2020. Sie führt auf eine Grundeinsicht gerade der evangelischen Deutung des Christentums. Denn der evangelischen Perspektive, dem evangelischen Blick auf das Christliche geht es um den Glauben. So hat Luther das ja auch formuliert: sola fide – allein durch Glauben. Allein der Glaube zähle, nicht die Leistungen, frommen Taten oder Überzeugungen. Glaube ist dabei aber keine Ansammlung von Lehrsätzen, Aussagen oder politischen Wahrheiten, die ich für wahr und unumstößlich zu halten habe. Glaube ist eine Lebenseinstellung, ein Grund- oder Urvertrauen darin, dass Gott ein bedingungsloses, unwiderrufliches Ja zu mir sagt. Glaube ist dem Grunde nach Vertrauen, etwas, das mich unbedingt angeht. Denn ohne Vertrauen kann ich nicht leben.

An der Geschichte, der das Losungswort entstammt, ist das gut sichtbar. Ein Mann kommt mit seinem schwerkranken Kind zu Jesus. Es ist taub, stumm, hat epileptische Anfälle – ein hoffnungsloser Fall, von einem bösen Geist besessen – so deutete man diese Krankheit damals. Jesu Jünger hat der Vater bereits vergeblich um Hilfe gebeten. Jetzt setzt er alle Hoffnung, alles Vertrauen auf Jesus allein. Er bittet, ja bettelt um Hilfe, um Erbarmen. Als Jesus dann sagt, dass denen, die glauben, alles möglich ist, schreit er heraus: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ (Markus 9,24)
Das bedeutet: Den Glauben, das Vertrauen, das alles überwinden kann, habe ich nicht in mir – aber bitte, hilf mir!

Mit all seiner Hoffnung, aber ebenso mit seiner tiefen Verzweiflung steht der Vater nun vor Jesus. Kein glaubensstarker Held, aber einer, der bis ins Letzte ehrlich ist zu sich selbst und Gott gegenüber. Einer, der seine Hilflosigkeit nicht versteckt, nicht die Schuld anderen zuschiebt, sondern der weiter glauben, hoffen und vertrauen will. Dieser Glaube, als letzte Ehrlichkeit, als letztes Vertrauen führt auf den Weg der Heilung, verbindet ganz eng mit Gott. Mir hilft das in den Situationen, in denen ich mich selbst rat- oder hilflos erfahre. Mein Glaubenslevel ist höchst unterschiedlich, ich bin nicht immer gleich fest in diesem Vertrauen verwurzelt. Ich weiß um Zweifel und Unglaube in mir. Dieser Zweifel wird mir aber auch immer ein Teil des Weges zu Glaube und Vertrauen sein. Weil ich diesen Widerspruch in mir zulassen, aushalten und aussprechen kann.

Daran lasse ich mich gerne erinnern, auch durch die Jahreslosung. Ich bin nicht allein auf meinem Weg. Da ist ein Gott, der in Jesus Christus uneingeschränkt ja zu mir sagt, jeden Tag neu und alle Jahre wieder. Wie gut, mit dieser Zusage ins neue Jahr zu gehen.

Dr. Christian Nottmeier, Superintendent

Foto: Pixabay CC0

Kategorien Aktuelles