Veröffentlicht am So., 10. Nov. 2019 00:00 Uhr

Predigt am 31. Oktober  2019 in der Magdalenenkirche, Berlin-Neukölln (Reformationstag)  

Superintendent Dr. Christian Nottmeier

Predigttext:  5. Mose 6, 4-9  

4 Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.

5 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen

7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,

9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

 

Liebe Gemeinde,  

heute kann ich es ja zugeben. In der Schule habe ich manchmal etwas gemacht, was verboten ist. Das war noch die Zeit lange vor den Handys, so dass diese Technik doch eine gewisse Findigkeit erforderte, die ich mir langsam, aber sicher angeeignet habe. Ich brauchte sie nicht in allen Fächer, aber in Bio, Physik oder auch Chemie – leider konnte man ja nicht alles abwählen – war diese Fertigkeit nicht unwichtig. Aber ohne einen soliden, gut gefertigten, nicht allzu auffälligen Spickzettel hätte ich manche Klassenarbeiten nicht überlebt.  Spickzettel erfordern äußerste Reduktion, Konzentration aufs Wesentliche. Aber das Wesentliche muss mit Hilfe dieses Zettels entfaltet werden können. Deshalb ist das Anfertigen wirklich guter Spickzettel eine echte Kunst. Man kann nur die wichtigsten Formeln notieren. Und: man hat nicht viel Platz, denn er kann ja eigentlich nicht größer als die Handfläche sein.  

Ein wenig wie ein Spickzettel kommt mir der Predigttext für den heutigen Reformationstag vor. Er steht im 5. Buch Mose.  

4 Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.

5 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen

7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,

9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.  

Ich gebe zu, als Spickzettel ist er dann auch wieder ungewöhnlich. Meine Spickzettel begannen nie mit einem Vokativ. Das war eher Sache der Lehrer, die zum Zuhören aufriefen. Das ist hier anders. In die Vielstimmigkeit der Welt, damals und heute, setzt dieser Text, das Grundbekenntnis des Judentums bis heute, einen Weckruf:  Höre, Israel!  

Lernen beginnt damit, dass ein Mensch sich in dem, was er weiß und kann, unterbrechen lässt, sich auch überraschen lässt, dass er zuhört.

Das Hören, gerade das Zu-hören, beginnt aber mit dem Schweigen. Nur wer sich in seiner Geschäftigkeit unterbrechen lässt, schweigen und damit hören kann, der betritt diesen Weg des Lernens, der im 5. Buch Mose vorgezeichnet ist. Das ist eine entlastende Einsicht, nicht nur  auf dem Weg des Glaubens: Du musst nicht reden, lass dich unterbrechen, schweige und höre, neige deines Herzens Ohr.  

Eine Grundeinsicht der Religion ist das, sich im eigenen Treiben unterbrechen zu lassen, eine, die auch für Reformation wichtig war. Denn Luther - umtriebig, ja getrieben von der Frage nach der Güte Gottes, der er gerecht werden wollte - kam eigentlich erst zu seiner Einsicht in die Gnade Gottes, als er sich in seiner Klosterkammer, im Kampf mit sich selbst und seinem Gott unterbrechen ließ. Nur so konnte etwas Neues reifen.

Gut, wenn das gelingt, auch in unserer Umtriebigkeit, unseren Auseinandersetzungen, auch den politischen und gesellschaftlichen, den Polarisierungen, sich einmal unterbrechen zu lassen, zu schauen, zu fragen, was eigentlich gerade passiert.  

Aber was soll gehört werden? In zwei kleinen Sätzen fasst sich für unsere jüdischen Glaubensgeschwister die ganze Bibel zusammen.

„Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."

Diese beiden Sätze muss man sich einprägen. Sie sind so etwas wie Lebensgrundlage. Nicht auf mich selbst, sondern auf Gott kann ich vertrauen, der mich begleitet, mir Würde und Wert verleiht. Diese beiden Sätze darf man nicht vergessen. Und man soll sie lehren, vor Augen haben.  

Die Einsicht, die in unserem Predigttext zum Ausdruck kommt, ist also von großer Klugheit:

Unser Glaube braucht die feste Formulierung, er braucht Formen und Grundtexte. Er braucht sie nicht als ein Gefängnis, in das er eingeschlossen würde. Aber er braucht sie als eine Form, die ihn vor dem Zerfließen bewahrt. Wie bei einem Spickzettel, aus dem sich dann vieles frei entfalten lässt.  Dann gewinnen auch die großen Erzählungen, die tiefgründigen Symbole, die sich immer neu auslegen lassen, ihre besondere Kraft.  

Die Reformation hat auf ihre Weise versucht, einen solchen Kern des Glaubens zu formulieren. „Allein aus Gnade, nicht aus eigenen Verdiensten wird der Mensch gerecht.“ Das war so eine Konzentration. Mit Bildern wird das dann beschrieben,  eben etwa dem von Gott als der festen Burg. Sie ist ein Bild des Schutzes, der Liebe, der Zuflucht, des Vertrauens.  „Ein feste Burg ist unser Gott“ – so hat Luther es gedichtet.  

Man missversteht, ja missbraucht es, wenn man es einfach als protestantisches Kampflied singt. Luther hat es als Trostlied gemeint und geschrieben. Es geht gerade nicht um Rückzug, sondern es geht um Wirken in der Welt, auch wenn es manchmal schwierig ist, die Zeiten düster und die Aussichten unsicher sind. Aber das Wagenburg-Denken, das haben wir doch nicht mehr nötig, gerade in unseren Gemeinden nicht.  

Aus Gottes Gnade und durch seine Liebe bin ich der ich bin,  ein freier Mensch – befreit zu einem Leben, das sich, was auch immer geschehen mag, in Gott, der festen Burg, gegründet und geborgen weiß. Deshalb kann ich, getragen von Gottes Liebe, diese herrliche Freiheit der Kinder Gottes auch leben – selbstbestimmt und selbstbewusst. Weil ich um dieses Vertrauen, dieses „Ja- Gottes“ weiß.  

Wenn aber jeder und jede ein Gotteskind ist, wer kann es dann  wagen, über die anderen anders zu befinden? Denn sie sind es auch, Gotteskinder, unabhängig von Prägungen und Herkunft, und unabhängig von meiner eigenen Sympathie oder Vorurteilen.  

Als Joachim Gauck als Bundespräsident verabschiedet wurde, hat er sich beim großen Zapfenstreich „Ein feste Burg ist unser Gott“ gewünscht. Der Choral habe ihm, so sagte er, schon im Kindesalter Selbstvertrauen geschenkt in einer Gesellschaft, in der sich fast alle aus lauter Angst vor den Herren der Welt und den Anpassungsmechanismen einer Diktatur weggeduckt hätten. "Und dann lernte ich in der Christenlehre:  'Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen, er hilft uns frei aus aller Not' - das war stark", sagte Gauck. Ein Lied gegen die Angst, gegen die lebensfeindlichen Mächte, auch wenn wir heute dafür wohl manch andere sprachliche Formulierung finden würden.  

Solches Selbstvertrauen können auch wir haben, um uns aufrecht, mit gestärktem Rücken, einzusetzen für all diejenigen, die in diesen Zeiten von den Herren der Welt in die Flucht getrieben und mit dem Tod bedroht werden. Um all denen zu widersprechen, die diese Gesellschaft mit dumpfen Parolen spalten und damit auch unsere Demokratie, unser friedliches Zusammenleben gefährden.  

Von solchem Selbstvertrauen erfüllt, das aus der christlichen Freiheit erwächst, können wir uns dann aber doch auch auf den Weg machen über manche Mauern von Konfession und Religion  hinweg.  

Denn auch wir, die wir aufrecht und bewusst evangelisch sind, haben die eine Wahrheit nicht für uns. Unsere Freiheit wird uns geschenkt, wird uns zugesprochen. So öffnet sie uns zugleich den Weg zum Anderen, zu den Anderen, die mit derselben unverwechselbaren Würde und den gleichen Freiheitsrechten ausgestattet sind wie wir. Deshalb wollen wir wirken, nicht nur in unseren Kirchenmauern, sondern weit darüber hinaus. In Bildung, in Diakonie, in vielfältigen Kooperationen. Wir wollen diese Welt nicht den Spaltern überlassen, sondern Brücken bauen, Frieden fördern, Menschen ermächtigen zu einem Leben in Freiheit, Würde und Gottvertrauen.  

Wie gut, wenn uns das begleitet: Freiheit, Menschenwürde und Gottvertrauen. Vielleicht wie ein Spickzettel, aber auf jeden Fall sichtbar, in dem was wir reden und tun. Im Herzen und vor unseren Augen.

Foto: Pixabay CC0

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