Veröffentlicht am Di., 10. Dez. 2019 14:11 Uhr

Andacht am 6. Dezember  2019 in der Bethlehemkirche, Berlin-Neukölln  zur Eröffnung des Rixdorfer Weihnachtsmarktes  

Superintendent Dr. Christian Nottmeier  

WhatsApp ist schon ein tolles Kommunikationsmittel. Man kann nicht nur schnell kommunizieren, kurze Nachrichten über den ganzen Globus schicken, sondern sich natürlich auch mit allen möglichen Fotos, Bildern und Video beglücken. Na gut, manche WhatsApp-Gruppen können auch echt nervig sein und nicht jedes Bild oder Video trifft meinen Geschmack. Aber ich finde es schon ein tolles Medium. Man weiß eben, wie der Name sagt, was los ist, what´s up.

Natürlich kann man damit auch Advents- und Weihnachtsgrüße verschicken. So wie diesen, den ich gestern bekam. Es war ein Warnhinweis. Und ging so: „Achtung, Achtung… Heute Nacht. Bärtiger alter Mann in auffälliger roter Kleidung versucht unschuldigen Menschen etwas in die Schuhe zu schieben!!!“  

Ich weiß ja. Humor ist verschieden, aber ich fand es gar nicht so schlecht. Mich hat es jedenfalls daran erinnert, dass am 6.12. Nikolaustag ist. Das hat mich daran erinnert, einigen lieben Menschen dann auch noch was in  die Schuhe zu schieben, natürlich nur Gutes und meist Süßes.

Die Zeit vor Weihnachten, die Zeit des Advents lebt von diesen Unterbrechungen und Traditionen. Sie lebt davon, dass in die Zeit in besonderer Weise begangen, bedacht und erlebt wird. Sie lebt von den Lichtern, den Liedern, den zeichenhaften Zeitmessern – analoge Erinnerungs-WhatsApp sozusagen. Dazu gehören die Adventskränze, die Adventskalender und gewiss auch die Weihnachts- und Adventsmärkte, deren zweifellos schönsten wir heute eröffnet haben. Die Tradition dieser Märkte lässt sich bis weit in das Mittelalter zurückführen. Sie fanden v. a. in den großen Städten statt, meist um die Kirche im Zentrum herum, meist –  etwa in München – als Nikolausmärkte. Sie waren auch deshalb besonders, weil in dieser Zeit nicht nur die Handwerker und Bauern, sondern auch das Gesinde und Dienstpersonal ein wenig Geld in die Tasche bekam, dass sie auf diese Weise wieder in Umlauf brachten. Und es war der Ort, wo man Geschenke kaufen und erwerben konnte, wenn man sie nicht selbst produzierten.  

Mit den Geschenken sind wir beim Nikolaustag. Er ist vielleicht der bekannteste Heilige, an den in dieser Zeit erinnert wird, auch wenn es noch andere wie Barbara, Thomas und – v.a. in Schweden wichtig – Lucia gibt. Nikolaus, der auf einen historischen Bischof des 4. Jahrhunderts im kleinasiatischen Myra zurückgeht, war einer der bedeutendsten Heiligen. Nicht zufällig tragen bis heute viele Kirchen als St. Nikolai seinen Namen, auch hier in Berlin. Lange war der Nikolaus der Gaben- und Geschenkebringer, auch weil der Legende nach Nikolaus für die heimliche Ausstattung – Stichwort: Schuhe und nachts – von drei Jungfrauen gesorgt, die der Vater sonst in die Sklaverei verkauft hätte. Aus dieser und anderen Legenden bildet sich die Vorstellung, dass Nikolaus zum Geschenkebringer wird. Lange war es deshalb dieser Tag, der 6. Dezember, an dem es Geschenke gab – die man dann auf den zahlreichen Märkten zur Weihnachtszeit kaufen konnte.  

Im Zuge der Reformation haben dann Luther und seine Nachfolger versucht, die aus ihrer Sicht schädliche Heiligenverehrung einzudämmen. Das bekam auch der Nikolaus zu spüren. Nicht dieser, sondern der „Heilige Christ“ bringe die Geschenke. Der Gedanke, sicher gut, fast genial und theologisch richtig, war, dass die Menschen von Gott durch die Menschwerdung Jesu reich beschenkt werden. Die Geschenke sollen genau das ausdrücken, und deshalb gehören sie zu Weihnachten dazu und nicht zu einem Heiligentag. Man wollte die Frömmigkeit auf Christus konzentrieren. Daraus wurde dann – heiliger Christ klingt ja doch recht abstrakt – das Christkind – aber zunächst im protestantischen, nicht im katholischen Bereich, wo man weiter den gefüllten Stiefel präferierte. Deshalb entstanden in protestantischen Städten wie Nürnberg und anderswo nun Christmärkte und Christkindlmärkte.  

Erst um 1800 wird das Weihnachtsgeschäft dann umgestülpt und als dritter Player tritt der Weihnachtsmann auf – im Grimm’schen Wörterbuch wird er 1820 noch als „merkwürdig geschichtsloses Wort“ aufgenommen. Klar ist, dass er ein Werk der Reformpädagogik ist, die den griesgrämigen Begleiter von Nikolaus und Christkind – Knecht Ruprecht etwa – wegen der in der Tat mit ihnen verbunden schwarzen Pädagogik, die auf Angst und Bestrafung setzt, ausmerzen will: Er soll menschlicher, freundlicher, meist großväterlich sein, auch wenn er noch die Rute mit sich führt. Der Weihnachtsmann verbreitet sich mehr in den evangelischen als den katholischen Gegenden, in die nun das Christkind einwandert. Erst viel später kommt – nun aus Amerika – der Nikolaus in veränderter Form als Santa Claus zurück, wenngleich er nun sehr dem Weihnachtsmann ähnelt und durch eine erfolgreiche Werbekampagne von Coca Cola 1932 richtig populär wird.  

Doch wer immer uns beschenkt, wer uns etwas im guten Sinne in die Schuhe schiebt – zu Advent und Weihnachten bekommt es eine besondere Bedeutung. Das Schenken erinnert uns an eine andere Bedeutung, eine andere Gründung und Rechtfertigung unseres Lebens. Sicher, das haben wir das ganze Jahr über nötig. Denn im Beschenktwerden kann ich mich überraschen lassen, ich kann getroffen werden in einer Tiefenschicht meines Seins, muss ich nicht leisten und verdienen, sondern Dankbarkeit empfinden. Dafür, dass ich bin, dass Gott mir dieses Leben, diese Welt gegeben hat.  

Ich als Christ glaube, dass dieses Geschenk dann wirklich nicht in einem mehr oder weniger großen Geschenk unter dem Baum, im Stiefel und von wem auch immer gebracht liegt, sondern in der Lebensgabe Gottes, die uns in der Menschwerdung Gottes mitten im Leid der Welt geschenkt wird, in der Geburt eines Kindes in der Krippe.

Das ist das große Weihnachts- und Christgeschenk. So wie wir es auch in unseren Liedern besingen, etwa mit den Worten Paul Gerhardts:  

„Du hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut,

das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch gut.“ (EG 11, 4)  

Darauf bereite ich mich vor in diesen Tagen, mit vielen Zeichen, Lieder, Lichtsymbolen und auch Weihnachtsmärkten. Wie WhatsApp-Messages im richtig guten Sinn. Denn die bekomme ich gerne und lese ich meist sofort.

Foto: Pixabay CC0

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