Veröffentlicht am Mo., 12. Aug. 2019 12:07 Uhr

Gedanken zum Diskussionspapier der Landessynode "Haltung zeigen"

Haltung zeigen – so lautet der Titel eines Textes, den die Landessynode auf ihrer letzten Tagung verabschiedet hat. Als Diskussionspapier soll es ergänzt und erweitert werden. In einem Dreischritt aus Situationswahrnehmung, Glaubensaussage und Folgerungen für das eigene gesellschaftliche Handeln werden evangelische Perspektiven angesichts der Herausforderungen unserer Zeit entfaltet.

Exemplarisch geschieht das an den Themenfeldern „soziale Gerechtigkeit“, „Miteinander in Vielfalt“ und „Ringen um Wahrheit“. Das Papier will nicht mehr, aber auch nicht weniger als einen Prozess der Diskussion und des Nachdenkens anregen, wie christlicher Glaube sich auch gesellschaftlich bezeugen lässt. Der Streit wird dabei nicht ausbleiben. Denn über eine Vielzahl gesellschaftlicher wie politischer Fragen hinaus sind unterschiedliche Lösungsansätze nötig und wichtig.

Eindeutigkeiten sind angesichts komplexer Probleme kaum zu erreichen. Nur wenig ist alternativlos. Davon lebt der öffentliche Diskurs in Politik, Gesellschaft und Kirche. Der Einsatz für die Armen und Benachteiligten, die unhintergehbare, von Gott geschenkte Würde eines jeden Menschen und das Streben nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind jedoch untrennbar mit dem Glauben an Jesus Christus verbunden, ja, so etwas wie Kernaussagen des Christentums. Es ist gut, diese immer neu auszusprechen und zu bekennen, um sie als Leitlinien christlichen Handelns erkennbar zu machen, gerade auch dann, wenn einfache Antworten, wie sie die Populisten zu geben versuchen, nicht möglich sind.

Christlicher Glaube lebt nicht von einfachen Parolen, sondern von Einsicht und Verantwortungsbewusstsein. Er gibt Rechenschaft von der Hoffnung, die in ihm begründet liegt. So heißt es im 1. Petrusbrief (3, 15b): „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die  in euch ist.“

Mir gefällt dieser Begriff der Rechenschaft.  Das, was mir wichtig ist, das, was Glaube mir an Sinn und Halt gibt, hat immer auch eine öffentliche Funktion. Ich überlege, wie ich diesen Glauben leben, einbringen und bezeugen kann. Es kommt auf mich, auf meine mit Gründen dargelegte Überzeugung an, und auf das, was ich vor Gott und meinem Gewissen vertreten kann. Der Glaube ist nicht nur Gefühl, emotionale Berührung oder auch moralische Empörung, sondern er lebt ebenso von Gründen, von Einsicht wie von verantwortlicher Lebens- und Weltgestaltung. Glaube ist Gabe und Aufgabe. Leben zu achten, Freiheit zu ermöglichen, Gerechtigkeit zu leben, gehört so zum verantwortlichen Glauben dazu. 

Damit ist christlicher Glaube, wie unterschiedlich er auch gelebt und verstanden werden kann, insofern politisch, als er immer auch auf den öffentlichen Raum, die polis, bezogen ist. Das meint nicht, dass er zugleich parteipolitisch ist. Wie soziale Gerechtigkeit erreicht, das Klima am Besten geschützt, Integration und Migration begleitet und gesteuert werden, mit welchen Mitteln Frieden und Freiheit gewahrt werden können, wird immer Gegenstand der politischen Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Konzepten sein. Dieser Pluralismus ist gut und richtig. Er gehört zum Kern der Demokratie.

An die Bedeutung von Freiheit, Demokratie, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit zu erinnern, steht den Kirchen ebenso gut an wie jedem einzelnen Christenmenschen. Gewiss sollte nicht jede tagespolitische Frage religiös wie ethisch überhöht werden. Christinnen und Christen sind aber dazu aufgerufen, sich aktiv in den politischen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit zu engagieren. Denn darum geht es: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die  in euch ist.“

Dr. Christian Nottmeier Superintendent

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