Veröffentlicht am Fr., 1. Feb. 2019 10:12 Uhr

Boshra Kando (24) und Ghassan Zouheir (33) sind aus Latakia, Syrien geflohen. Ihre Kinder Tia (2 ½ Jahre) und Khaled (6 Monate) sind in Berlin geboren. Ghassan hat in Syrien im Einzelhandel gearbeitet, während Boshra vor der Flucht gerade ihr Studium begonnen hatte.

Wie sind Sie in Deutschland angekommen?

Ghassan Zouheir: Wir waren gerade verheiratet, als der Krieg begann. Als es immer schlimmer wurde, sind wir 2015 erst einmal in die Türkei gegangen und dann immer weiter, bis zur nächsten Grenze.

Boshra Kando: Zwanzig Tage hat unsere Reise gedauert, durch Wälder und über das Meer. Als wir hier angekommen sind, haben wir unsere Füße nicht mehr gespürt und die Schuhe waren durchgelaufen.

Wie geht es Ihnen heute?

Boshra Kando: Mir geht es gut. Besonders nachdem wir jetzt, durch Vermittlung der Kirche, eine neue und richtige Wohnung haben.

Ghassan Zouheir: Ich habe gerade meinen B1-Deutschkurs abgeschlossen. Ich fühle mich in Berlin wohl, auch wenn es einige Herausforderungen gibt. Oft fühlt man sich nicht ernst genommen, nur weil man die Sprache nicht gut spricht. Ich möchte gern direkt anfangen zu arbeiten. Aber für alles braucht man hier eine Ausbildung und dafür muss ich mein Deutsch weiter verbessern. Ich möchte gern wieder im Einzelhandel arbeiten. Seit drei Jahren unterstütze ich ehrenamtlich „Laib & Seele“ in der Martin-Luther-Gemeinde.

Boshra Kando: Ich hoffe, dass ich bald für die Kinder einen Kitaplatz finde. Ich möchte zunächst weiter Sprachkurse besuchen und dann eine Ausbildung machen, z. B. als Kosmetikerin. Wir hätte gern mehr Kontakt zu Deutschen, um unser Deutsch zu verbessern.

Wer hat Sie unterstützt?

Ghassan Zouheir: Als wir vor dem Lageso gewartet haben, hat uns eine Unterstützergruppe von Spaniern und Deutschen eingeladen, bei ihnen zu essen, zu duschen und zu übernachten. Wir haben heute noch Kontakt.

Boshra Kando: Nach der Registrierung waren wir dann in einer Notunterkunft untergebracht. Dort war alles sehr streng geregelt und wir wurden getrennt untergebracht.

Ghassan Zouheir: Dann haben wir uns an die Diakonie gewandt und sie hat uns provisorisch eine Unterkunft in ihren Räumen im Haus der Begegnung angeboten. Am Ende waren wir über ein Jahr dort. Wir konnten wieder zusammen sein und hatten Unterstützung.

Was bedeutet Neukölln für Sie?

Ghassan Zouheir: Hier gibt es Vieles, was an Zuhause erinnert: die Atmosphäre, die Lebendigkeit, die offenen Menschen auf der Straße und die arabischen Cafés. Das hat uns das Einleben erleichtert.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Ghassan Zouheir: Vor allem möchte ich meine kranke Mutter hier nach Deutschland holen. Sie ist jetzt allein, nachdem mein Vater im letzten Jahr verstorben ist.

Boshra Kando: Ich wünsche mir eine bessere Zukunft für unsere Kinder. Außerdem möchte ich gern arbeiten und nicht mehr abhängig sein vom Jobcenter.

Das Interview führte Mounaim Katir, Flüchtlingsbeauftragter in den Kirchenkreisen Neukölln und Tempelhof-Schöneberg. Es ist in der KirchenkreisInfo Februar 2019 erschienen.


«Angekommen - Integration leben»
In dieser Interviewreihe stellen die gemeinsamen Flüchtlingsbeauftragten der Kirchenkreise Neukölln und Tempelhof-Schöneberg Menschen mit Fluchthintergrund vor, die im engen Austausch mit den Gemeinden stehen. Sie berichten von ihren Erfahrungen in Berlin, den Herausforderungen, vor denen sie stehen - und von ihren Wünschen.

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