Veröffentlicht am Di., 19. Mär. 2019 12:39 Uhr

Predigt am 17. März 2019 November in der Martin-Luther-Kirche Zeuthen 

Superintendent. Dr. Christian Nottmeier  

Predigttext: Joh3, 1-21    

Liebe Gemeinde,  

Nacht ist es in Jerusalem. Alles schläft, aber einer wacht. Nikodemus kann heute nicht schlafen. Zuviel geht ihm durch den Kopf. Nikodemus ist ein Denker, ein Intellektueller. Das macht schlaflos, manchmal jedenfalls. Dann blitzt ein Gedanke auf, der ihn nicht loslässt. An Schlaf ist so nicht mehr zu denken.

Es kommt vor, dass er dann mitten in der Nacht aufsteht und niederschreibt, was ihm in den Sinn kommt. Heute aber reicht das nicht. Dieser merkwürdige Wunderrabbi aus Nazareth, von dem die ganze Stadt spricht, geht ihm nicht aus dem Sinn. So viele Gedanken, so viele Fragen.  Sie lassen ihn nicht los. Nicht  akademische Probleme treiben ihn heute um, sondern echte Lebensfragen. Nach dem Ziel des Lebens, nach Neuanfängen, nach Licht und Orientierung auch da, wo es nur finster und unklar zu sein scheint.

Nachts kommt die Erinnerung, an die verpassten Gelegenheiten, die nicht genutzten Chancen, dazu manches tiefe Bedauern. Mit der Nacht kommt die Sehnsucht, nach Nähe, Geborgenheit, nach dem, was wirklich zählt im Leben.  

Nikodemus macht sich - so von Gedanken,  Fragen und Erinnerungen getrieben - auf den Weg in die Stadt. Da ist wirklich noch einer, der wacht, der nicht zur Ruhe kommt. Am Rande der Stadt, da wo er es vermutet hatte, trifft er Jesus. Der scheint gar nicht so überrascht über diesen Besuch zu sein…  

Das Gespräch, das sich entspannt, hat es in sich, auch wenn die Bibel uns nur einige Ausschnitte daraus präsentiert. Frage und Antwort wechseln sich munter ab. Nicht einfach über Texte diskutieren Jesus und Nikodemus. Es geht vielmehr um Grundfragen menschlichen Lebens – über das, was unbedingt angeht. Von Veränderung sprechen sie, von Neugeburt, vom Geist, der lebendig machen soll. Nikodemus versucht, sich an den Fakten wie an seinen Gedanken festzuhalten. Das Leben noch einmal ganz neu sehen, von vorne beginnen? „Wie mag das gehen?“ (3,9) Das geht doch nicht, oder vielleicht doch? Nikodemus sehnt sich nach Antworten, nach Leben, nach Ewigkeit. Und Jesus setzt ihn auf die Spur, ohne dass wir gleich erfahren, ob und wie Nikodemus sie aufnimmt.  

Wie geht das? Neu anfangen, wirklich bewusst Leben, nicht im irdischen-alltäglichen sich zu verlieren, sondern offen zu sein für die Veränderung, das Neue, Ewiges, ja Göttliches vielleicht?

Ja, wie geht das? Nikodemus schwirren die Gegensätze noch unverbunden im Kopf herum, von denen Jesus spricht: Irdisches und Himmlisches, Finsternis und Licht, Leben gewinnen und Leben verlieren.  

Jesus spricht sie an, die Fragen, die Nikodemus beschäftigen. Er nimmt die Angst auf, das eigene Leben zu verlieren, auch wenn sonst alles am Schnürchen läuft. Nikodemus ist ein gemachter, ein angesehener Mann. Eigentlich hat er es nicht nötig, nachts einem Wunderrabbi aus der Provinz nachzulaufen. Er ist Mitglied des Hohen Rates am Tempel, ein angesehener Schriftgelehrter, jemand, zu dem Menschen aufblicken. Nikodemus hat es geschafft. Auch familiär laufen die Dinge so wie sie laufen, wenn man in mittlerem Alter und seit vielleicht 20 Jahre verheiratet ist. Kleine Konflikte gewiss, aber nichts, wo man sich dringende Sorgen machen muss. Doch dann kommt immer wieder diese Sehnsucht nach mehr, ein nur schwer beschreibbares Gefühl des Mangels. Das lässt sich für ihn auch mit aller Kunst der Schriftauslegung und allen Versuchen intellektueller Einordnung nicht bändigen. Es ist wohl so wie es in einem Lied heißt: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns (…). Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe.“  

Jetzt, in der Nacht, spricht Nikodemus das aus, was er sonst nicht zu fragen wagt. Er, der es gewohnt ist, selbst die Antworten zu geben, wird zum Hörer. Denn Leben, wahres Leben gewinnen, Tiefe, Sinn, Geborgenheit, das will auch er. Sich selbst nicht verlieren. Das wäre es doch, so denkt Nikodemus jetzt, bei allen Unklarheiten, die für ihn auch dieses nächtliche Gespräch bereithält, wenn das Leben, das ich führe, nach Ewigkeit, nach Unendlichkeit schmeckte, sich nicht im Alltäglichen verlöre. Das wäre es doch, wenn ich nicht meine verpassten Gelegenheiten betrauerte, mich nicht vor der Zukunft fürchtete oder sie verklärte, sondern, das Hier und Jetzt mir sinnvoll vorkäme, angehaucht von Gottes Geist. Doch: wie mag da zugehen?  

Jesus versucht es mit einem Spur-, einem Perspektivwechsel. Es geht ihm dabei nicht um Lehre, sondern um ein Leben, das Endlichkeit und Unendlichkeit miteinander verbindet. Nicht in die Zukunft, sondern gerade in die Gegenwart will Jesus Nikodemus weisen. So redet Jesus also von der Gegenwart Gottes in dieser Welt. Vom Licht etwa, das in die Finsternis gekommen ist. Vom Sohn, vom Menschen Gottes, der in diese Welt hineingeboren ist und als Retter da ist. Wie Weihnachten hört sich das an: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit...“  

Ums neue Sehen, um einen anderen Blick auf diese Welt geht es Jesus. Die neue Sehschule des Glaubens wird Nikodemus nahegebracht. Die Erfahrungen des Volkes Israel gehören dazu. Die Schlange in der Wüste, auf die auch Nikodemus gebannt blickt, verwandelt sich zum Zeichen der Rettung: „Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben“, heißt es in der Geschichte, die Nikodemus gut kennt. Die Welt, in der wir leben, ist zunächst doppeldeutig und widersprüchlich, oft gefährlich und bedrohlich. Aber diese Welt ist nicht gottverlassen. Das Kreuz, Zeichen der Schande und des Verbrechens, wird zum Symbol des Heils, zum „Lebensbaum des Paradieses“. Welch eine Umwertung der Werte, welche eine Änderung unseres Blicks!  

Neu sehen also, das will Jesus Nikodemus lehren. Gottes Spuren im eigenen Leben lesen lernen, die Gegenwart aus Gottes Hand nehmen und darin Sinn und Tiefe erkenne. „Das Kind in dir muss Heimat finden“ – so heißt ein Bestseller von Stephanie Stahl aus der Sparte Lebenshilfe und –Beratung, der die „Lösung (fast) aller Probleme“ verspricht. Sehr anschaulich beschreibt die Autorin die Widersprüchlichkeiten, die unsere Persönlichkeitsbildung ausmachen. Wir suchen Bindung, Autonomie und Sicherheit, wollen Bedürfnisse befriedigen, sehnen uns nach Selbstwert und Anerkennung.  Natürlich prägt uns unsere Geschichte. Es gilt Licht und Schatten zu erkennen, das „Schattenkind“ mit all unseren Verletzungen anzunehmen und zu heilen und so das „Sonnenkind“ in sich zu entdecken. Doch wie mag das gehen? Der kritische Blick auf mich selbst, auf meine Sehnsucht und Heimatlosigkeit, meine Licht- und Schattenseiten tut mir gut. Aber ob ich damit alle Probleme lösen kann? Ob ich mich selbst so heilen kann?  

Nikodemus in seiner Zeit kennt dieses innere Umhergetriebensein. Er weiß aber auch: aus sich selbst heraus wird er diese Unruhe, diese Sehnsucht nicht stillen können. Deshalb treibt es ihn raus in Nacht. Auf der Suche nach innerer Heimat, nach Halt und Ewigkeit, denn nicht nur das Kind in ihm will Heimat finden. Jesus weist Nikodemus nicht auf sich selbst, er lässt ihn nicht allein: Bei aller Arbeit an dir selbst, das Heil, der Sinn kommt nicht aus dir allein. Behalte die Gegenwart im Blick. Suche hier nach den Bildern des Lebens und der Liebe Gottes. Stelle seine Spuren fest, auch in den Zwischentönen und Unklarheiten des Lebens. Ja, so versucht Jesus es zu sagen: Gott erinnert sich seiner Barmherzigkeit und Güte. Diese Bilder gilt es anzuschauen. Dazu muss man manchmal genauer hinsehen, Irdisches und Himmlisches unterscheiden lernen.  

Neu sehen lernen also, um zu unterscheiden, das Ganze in den Blick zu bekommen. Matthias Claudius hat das in seinem Nacht- und Abendlied so gedichtet:

„Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.“  

Die Passionszeit ist solche Zeit des Sehens und Unterscheidens. Mit meinen Fragen und Sehnsüchten trete ich vor Gott. Aber ich schaue zugleich weg von mir, hin zu dem, der seinen Weg durch Leid und Tod geht. Damit ich mich nicht in mir selbst verliere, sondern ewiges Leben habe – mitten in der Zeit. Im Weg Jesu kann ich es sehen, wird mir sein Bild zum „Lebensbaum des Paradieses.“  

„Wie mag das zugehen?“ Ob die Fragen des Nikodemus beantwortet sind? Ob er jetzt wieder ruhig schlafen kann. Losgelassen hat ihn diese Begegnung jedenfalls nicht. Manche seiner Fragen und Zweifel blieben, wie sollte das anders sein? In der Geschichte Jesu, wie Johannes sie erzählt, wird er uns wieder begegnen. Ganz am Ende, als alles mit Jesus aus zu sein scheint, ist Nikodemus wieder da, mit einem verschwenderischen Geschenk für Jesu Grab. Denn diese Nacht hat sich ihm eingebrannt.  

Amen.

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