Veröffentlicht am Di., 26. Feb. 2019 10:06 Uhr

Predigt am 17. Februar 2019 November in Großziethen und Schönefeld  

Superintendent. Dr. Christian Nottmeier  

Predigttext: Prediger 7, 15-18
15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.
16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.
17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.
18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.  

Liebe Gemeinde,  

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ So hat es der Philosoph Theodor Adorno formuliert. Die kurze Sentenz, die sich in einer Sammlung von Sprüchen und Aphorismen unter dem Titel „Minima Moralia“ findet, ist zum geflügelten Wort geworden. Schon der Titel markierte Ironie und Distanz: eine Kleinst-, eine Minimalmoral. Nicht gerade das, was man von einem philosophischen Buch erwarten würde. Adorno bietet keine große Theorie des guten Lebens, sondern stattdessen – mit den Worten des Untertitels –„Reflexionen aus einem beschädigten Leben“ an.  

„Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens.“ So schaut der Prediger Salomo auf seine eigene Lebensgeschichte und versucht, wesentliche Erfahrungen des Lebens in kurzen Versen alltagstauglich zusammenzufassen. Auch das eine Art Minimalmoral. Wir wissen nichts Konkretes über den Menschen, der sich hinter dem „Prediger“ verbirgt. Klar ist, dass er in einer Zeit der Krise lebt, in der die alten Gewissheiten ihre Gültigkeit verloren haben. Er fragt, er zweifelt, er ringt mit den eigenen Erfahrungen und einem zunehmend skeptischen Blick auf die Welt. Er sucht Halt in der Haltlosigkeit, aber er will sich nicht den Ideologien seiner Zeit, den Botschaften von Hass und Spaltung hingeben.

Da ist einer, der gerecht und gut lebt, doch er scheitert und geht zugrunde. Da ist ein anderer, dem nichts heilig ist, der nur an sich selbst denkt und so ein höchst angenehmes Leben führt. Die richtige Moral, der rechte Glaube führen offensichtlich nicht immer zu gelingendem Leben. Daran arbeitet der Prediger sich ab.

Vielleicht gibt es das doch, richtiges, jedenfalls gelingendes Leben trotz falscher Prinzipien? Das geht dem Prediger eigentlich gegen den Strich. Deutlich ist jedenfalls: die Situation des eigenen Lebens, die Frage nach der richtigen Lebensführung, das alles ist höchst undurchsichtig und uneindeutig. Aber wenn es keine klaren Antworten mehr gibt, wenn das Leben eh beschädigt und unbehaust ist, wenn kein schwarz und weiß mehr zu erkennen ist, sondern eher ein mattes grau: vielleicht ist es dann gut, sich irgendwie durchzuwursteln, nicht zu weise, zu gerecht, zu fromm, aber ebenso wenig zu töricht, zu selbstsüchtig, zu gottlos?  

„Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens.“ Adornos Minimalmoral lässt sich auch als Bilanz seiner eigenen Lebensgeschichte im Zeitalter der Ideologien und Extremismen lesen, die das 20. Jahrhundert geprägt haben und die noch immer nicht vergehen wollen. Geboren 1902 in Frankfurt, wuchs der vielfältig begabte Adorno in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Nach dem Studium der Philosophie und der Musik schien ihm eine Karriere als Professor an der Frankfurter Universität offen zu stehen. Das alles änderte sich 1933. Das nationalsozialistische Regime entzog ihm die Lehrerlaubnis, nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 war er wegen seines jüdischen Vaters „Halbjude.“ 1934 zog er nach Oxford und ging schließlich von 1938 ins Exil in die USA. 1953 kehrte er dauerhaft nach Frankfurt zurück, wo er nun Professor und einer der wichtigsten kritischen Intellektuellen der frühen Bundesrepublik wurde. Seine Lebenserfahrungen spiegeln sich in seinen Werken: die Kritik der Ideologien, die Skepsis gegenüber den großen Theorien und Welterklärungen, der genaue Blick auf die Strukturen einer Gesellschaft, in der die Errungenschaft des Fortschritts für grausame Menschheitsverbrechen gebraucht werden konnten.  

„Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens.“ Leben ist immer beschädigtes Leben. Recht und Menschenwürde werden mit Füßen getreten, Bosheit und Ungerechtigkeit vergehen nicht. Zugleich stelle ich mit Blick auf mein eigenes Leben fest, wie wenig ich oft meinen Idealen und Überzeugungen gerecht werde. Manchmal scheine ich sie zu verraten: aus Angst, aus Bequemlichkeit. Ich weiß es nicht. Wie kann ich da überleben, ohne mich selbst zu verlieren? Ich will mich an Werten und Überzeugungen orientieren, meinem Glauben und mir selbst treu sein. Doch oft ist der Ehrliche zugleich der Dumme. Ehrlich will ich sein, aber nicht dumm. Dieser Konflikt, dieser Widerspruch nagt an mir und in mir.  

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Adornos Satz will diesen Widerspruch nicht aufheben, sondern Ernst nehmen. Verstände man den Satz wörtlich, dann wäre es ein zynischer Ausspruch. Eigentlich ist er dann eine Ausrede, die ungefähr so lautet: Wenn alle Möglichkeiten für richtiges Leben verstellt sind, dann ist es letztlich egal, wie ich mein Leben gestalte. Deshalb: Nach mir die Sintflut! Oder, wenn es nicht ganz so hart sein soll: Mut zum Kompromiss, auch wenn ich mich selbst darin verliere. Pragmatismus also, frei nach einer Devise, die sich auch im Buch des Predigers findet: „ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe“ (9,4b). Nun sind Kompromisse gut und lebensdienlich, oft ganz unumgänglich. Aber wo ziehe ich die Grenze? Was kann ich noch eingehen, ohne meine eigenen Überzeugungen zu verraten?  

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Wenn Leben immer beschädigtes Leben ist, das sich an seinen eigenen Widersprüchen abarbeitet, um dann vielleicht trotz allem Vertrauen zu wagen, Lebensgewissheit zuzulassen, dann setzt das voraus, dass ich diese Widersprüche zunächst einmal wahrnehme und aushalte. Verdrängen hilft nicht. Die kompromisslose Prinzipienfestigkeit ist ebenso wenig ein Ausweg wie eine letztlich zynische Gleichgültigkeit.

Der Prediger benennt genau diese Widersprüchlichkeit, die sich durch menschliche Weisheit nicht auflösen lässt: „Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.“

Dieser Erfahrung ist nicht zu entkommen. Deshalb muss sie benannt und ausgesprochen werden. Denn nur dann geht die eigene Mitte nicht verloren und der moralische Kompass wird nicht verdorben. Leben ohne Widersprüche, ohne Fremdbestimmung und Verblendung, ein im Ganzen richtiges, unverfälschtes Leben ist unmöglich. Aber eben deshalb ist es wichtig, sich den Sinn, die Sehnsucht für das richtige, das erfüllte, das gelingende Leben nicht abkaufen zu lassen.  

Adorno überlegt deshalb in immer neuen Ansätzen, wie es am besten ist, sich in schwieriger Lage zu verhalten. Er analysiert die gesellschaftlichen Bedingungen von Entfremdung und Unterdrückung und weist die zerstörerischen Tendenzen der Moderne auf. Aber er will allen Einwendungen zum Trotz den „Traum eines Daseins ohne Schande" nicht aufgeben. Deshalb stellt er dem Modell der Produktion, von dem er alles Leben - und Morden - unter den Bedingungen der Moderne geleitet sieht, ein Modell der Kontemplation gegenüber, unter dem Menschen und Dinge einander in unwillkürlicher Aufmerksamkeit begegnen könnten. Das mag auf den ersten Blick unmöglich sein. Aber nur vom Unmöglichen her können wir unsere Möglichkeiten verstehen – darin besteht Adornos Pointe.  

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt.“ Der Prediger vertritt damit weder faule Kompromisse noch abgestumpfte Gleichgültigkeit. Unser Leben bleibt undurchsichtig, eine bleibende Stadt ist uns versagt, letzte Sicherheit unmöglich. Kluger Pragmatismus ist vonnöten. Doch der rechnet angesichts der Unverfügbarkeit menschlichen Erfolgs nicht nur mit dem Möglichen, sondern noch mehr mit dem Unmöglichen. Für dieses Hoffen auf das Unmögliche steht die Gottesfurcht, ein wacher Sinn und Geschmack für das Unendliche, den in Gott gegründeten Mehrwert menschlichen Lebens.

Deshalb: „Wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ Der verfällt nicht dem Tod der Abstumpfung für alle Sinnfragen noch den Versuchungen vermeintlicher Eindeutigkeiten. Wer sich den Sinn und Geschmack fürs Unendliche bewahrt, misstraut den Glücksversprechungen menschlicher Ideologien ebenso wie einer Weisheit, die alles über Gott und den Menschen zu erklären beansprucht. Wer so Gott fürchtet und dem Leid dieser Welt nicht entflieht, der weiß sich mit seinem Glauben auf der Grenze. Und kann als ein Mensch, der um die Widersprüche des Lebens weiß und nicht auf sich selbst, sondern auf Gottes Güte vertraut, die Hoffnung bewahren. Die Hoffnung nicht zuletzt darauf, dass richtiges Leben gelingt, allem falschem zum Trotz. So möchte „Hoffnung haben für mich und meine Welt, die auch in dunklen Tagen die Zukunft offenhält“ (EG.NB 596,2).    

Amen. 

Foto: Adorno Denkmal von Vadim Zakharov ©Simsalabimbam, CC BY-SA 4.0, via wikimedia

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