Veröffentlicht am Di., 11. Dez. 2018 14:08 Uhr

"Die Nacht ist vorgedrungen" - Predigt im Gottesdienst zur Eröffnung des Rixdorfer Weihnachtsmarktes am 7. Dezember 2018 in der Bethlehemskirche

Superintendent. Dr. Christian Nottmeier

Predigttext: Röm 13

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Leben im Licht des anbrechenden Tages

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Neid; 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.  

Lied vor der Predigt: Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16,1-13)

1) Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

2) Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.

3) Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

Predigt  

Liebe Gemeinde,

endlich wieder Adventszeit. Und endlich wieder dieser schöne, gemütlich Adventsmarkt hier in Rixdorf. Bei allem – ich finde auch immer etwas klischeehaften – Klagen über den Advents- und Weihnachtstress bringt die Adventszeit etwas in uns zum Klingen. Das ist eine tiefe Sehnsucht in uns nach Beheimatung, Besinnlichkeit, Gemütlichkeit. Und diese Sehnsucht ist auch da, weil wir genau wissen, dass unser Leben nicht ganz, nicht heil ist, wir in einer wirklich nicht erlösten Welt leben.

Und dann liegt heute dieser merkwürdige Briefabschnitt von Paulus in unserer Advents- und Weihnachtspost, den wir eben gehört haben. Auch bei Paulus ist Advent, aber ganz anders, ganz kompakt, ohne Plätzchen und Glühwein. Advent kompakt, als gleichsam konzentrierte Wartezeit: das ja - aber doch nicht in der Endlosschleife jährlicher Wiederholung. Paulus wartet auf das Kommen Christi, das noch zu seinen Lebzeiten anbricht. Ihm geht es gleichsam um das Leben als Gottesdienst im Alltag der Welt, einer Welt allerdings, die sich dem Ende zuneigt. Das Liebesgebot des Glaubens hat sich im Alltag zu bewähren. Diese Bewährung erfolgt unter dem Zeichen der in nächster Zukunft zu erwartenden Wiederkunft des Herrn. Das Bild von der vorgerückten Nacht (13,11f) schärft das noch einmal ein und Paulus bezieht es mit der Formulierung vom „Anziehen des Herrn Jesus Christus“ erneut auf die Liebesordnung wie den Lebenswandel der Gemeinde. Solche Liebe ist Erfüllung des Gesetzes (13,10).  

Heute ist mir an diesem Text v.a. wichtig, dass Paulus von seiner Hoffnung in Bildern spricht. Das macht auch unser Leben aus. Unsere Hoffnungen, aber auch unsere Sorgen verdichten sich in Bildern, die wir gebrauchen. Von unseren Hoffnungen, aber auch von den Spannungen lässt sich „nur“ in Bildern reden, Bildern, die etwas in uns zum Schwingen bringen. Die Advents- und Weihnachtszeit lebt von solchen Bildern, von symbolischer Sprache, die die Verwundbarkeit und die Sehnsucht unseres Lebens zum Thema machen, ohne diese Spannungen einseitig aufzulösen. Paulus gebraucht ein solches Bild: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen.“ Keine andere Zeit als diese lebt vom Ineinander und Gegeneinander von Schmerz und Sehnsucht. Schmerz und Sehnsucht verlieren sich aber in christlicher Perspektive nicht irgendwohin, sondern zielen auf die Erkenntnis der eigenen Erlösungsbedürftigkeit. Dass das Heil eben nicht aus mir selbst kommt, sondern erwartet, ersehnt, empfangen werden muss, wird gerade in der Adventszeit thematisiert.  

In kaum einem Lied wird das so deutlich wie in Jochen Kleppers „Die Nacht ist vorgedrungen“, dessen erste drei Strophen wir eben gesungen haben. In der Verbindung von biographischer Situation und der Aufnahme dieses paulinischen Bildes entfaltet es  eine eigentümliche Faszination. Mitten im Dunkel wird vom nahenden Tag gesungen, in tiefster Nacht das Licht des Morgensterns besungen, aber kein Leid, keine Träne dabei vergessen.

Jochen Klepper hat dieses Advents- und Weihnachtslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ zwischen dem 1. und dem 4. Advent 1937 geschrieben

Hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung ist er  in der  Zeit des nationalsozialistischen Unrechts; zwischen dunkler Nacht und Morgenlicht bewegt sich sein Gemütszustand. Mit Hanni, einer Jüdin, verheiratet, droht ihm immer wieder Schreibverbot und ihr die gesellschaftliche Isolation. Zugleich hat er mit seinem in diesem Jahr veröffentlichten Roman über den Preußenkönig „Der Vater“ einen enormen Erfolg. Aber ständig muss er um gnädige Sondergenehmigungen bitten; hat den endgültigen Ausschluss aus der Schriftumskammer und damit das existenzielle Aus immer wieder vor Augen. „... meine Seele ist krank“ schreibt er am 16. Dezember in diesen bedrückenden Adventstagen, „nicht an der ‚Zeit’ - am eigenen Menschsein.“ Dunkelheit  und Stille umgibt den angefochtenen Dichter. „Den ganzen Tag wird es nicht hell. ... Wieder bittere Nachrichten aus Palästina. Wer es kann, wandert nach Amerika weiter.“ schreibt er einen Tag später. Aber zur Flucht kann er sich nicht entschließen. Zu sehr hängt er an seinem Vaterland.  

Hin und her gerissen zwischen Aufbegehren gegen das Unrecht, verbunden mit der Angst um seine Frau und sein Stiefkind, und seinem preußischen Patriotismus, bleibt er in Deutschland bis es für ihn und die Seinen zu spät ist, bis zum gemeinsamen Tod. Anfang Dezember 1942 sieht er für sich und seine Familie keinen Ausweg mehr in dieser dunklen menschenverachtenden Zeit. Die endgültige Ablehnung einer Ausreise für seine Familie nach Schweden und das totale Schreibverbot haben sein Leben zerstört. Alles ist aus. Da ist kein Licht in dunkler Nacht; jedenfalls nicht auf dieser Welt, nicht in dieser Zeit. Aber selbst in dieser schweren Stunde sucht er verzweifelt Halt in seinem Glauben. Am 10.12.1942 schreibt er in sein Tagebuch als letzten Eintrag: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott - Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“  

Doch das alles verschlingende Nichts hat bei Jochen Klepper nicht das letzte Wort. Man erkennt das gerade an der 4.  Strophe dieses Liedes, die wir jetzt singen:  

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.
(EG 16,4)

  Noch immer leiden Menschen. Noch immer werden Menschen schuldig. Wir wissen nicht, wie lange das andauern wird. Wie viele Nächte noch kommen, in denen jemand weint, weil er das Leben verfehlt hat – wir wissen es nicht. „Noch manche Nacht wird fallen ...“ Aber etwas hat sich verändert, etwas Entscheidendes. Keiner, der über sein verfehltes Leben weint, ist mehr allein dem Dunkel ausgeliefert. Keiner, der schuldig geworden ist und etwas tat, was er danach tief bereute, und keiner, der versäumt hat, zur richtigen Zeit ein lösendes, mutiges Wort zu sagen, muss sich quälen mit dem Gefühl, auf ewig in dunkler Nacht wie in einem finsteren Kerker eingesperrt zu sein.

Das Dunkel hat keine Macht mehr über uns. Es kann uns nicht mehr fest- und gefangen halten. Denn, so sagt das Lied, es „wandert nun mit allen / der Stern der Gotteshuld“. Was für ein schönes, tröstliches Bild! Es spielt an auf den Stern von Bethlehem und findet ein fremdartiges Wort für ihn. Der Stern als Zeichen der „Gotteshuld“, das mit allen wandert. Sein Licht eröffnet allen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll, eine neue hoffnungsvolle Aussicht.

Das schließt nicht aus, dass es einmal Dunkel werden kann in unserem Leben. Dass Gott uns begleitet heißt dann auch, dass er uns im Dunkeln und Schweren geleiten wird. Wir singen die 5. Strophe.  

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.
(EG 16,5)  

„Nacht“ und „Dunkel“ werden hier erkennbar als Gottes Ort. Das ist die Herausforderung des Glaubens. ER selbst „will im Dunkel wohnen“, dort will Er sein, „zur Sühne für sein Recht“. Er hat sich durch sein Erscheinen als ohnmächtiges Kind den Verstrickten und Gefangenen „verbündet“. Sein Richten ist nicht tödliche Verurteilung, sondern liebevolle Solidarität. Jene Strophe sagt uns, dass Gott ganz anders auf uns zukommt als wir uns vorstellen und erwarten. Der Richter aller Welt kommt als Retter! Er bringt alles wieder zurecht. Dann werden die quälenden Rätsel gelöst. Dann wird sich alles klären.

Wer hier dem Sohn vertraut, ist darauf schon vorbereitet: auf den Advent Gottes. Und dabei bleibt gewiss: Gott ist ein Richter, der uns Menschen nicht hinrichtet, sondern herrichtet. Der uns so herrichtet, dass wir liebens- und lobenswert werden, der in unseren Schmerz, unsere Sehnsucht und unsere Hoffnungen kommt. All Jahre wieder, hier in dieser Kirche, auf unserem Alt-Rixdorfer Advents- und Weihnachtsmarkt und überall da, wo wir Advent und Weihnachten feiern. Denn er kommt, in unseren Schmerz und unsere Sehnsucht, in unser Leid und unsere Freude. Er kommt, so wie Paul Gerhardt das gedichtet hat und wie wir es jetzt singen (EG 11, 1-3.7):  

Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust,

all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.  

Amen.

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