Veröffentlicht am Do., 29. Nov. 2018 12:05 Uhr

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ Predigt von Superintendent Dr. Christian Nottmeier zum Totensonntag (Gedenktag der Entschlafenen), 25.11.2018

Predigttext: Phil  1,21-26

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unendlich nennen?“ Mit diesen Worten beginnt Thomas Mann seinen Roman „Joseph und seine Brüder“, in dem er die biblische Geschichte von Jakob und Joseph verarbeitet. Der Brunnen, in den er hinabtaucht, erweist sich letztlich unserer Gegenwart ganz nah. Denn dazu erzählen wir Geschichten, dass wir uns in ihnen wiederfinden, auch im Unterschied der Orte und Zeiten. Auch heute, am Toten- oder Ewigkeitssonntag, erinnern wir uns an Vergangenes, vergegenwärtigen uns die Menschen, von denen wir Abschied nehmen mussten.

So ging es Thomas Mann mit den Geschichten von Issaak, Jakob und Josef. Im Segensbetrug Jakobs, in seiner Flucht in die Fremde, im Streit und Verrat seiner Söhne und schließlich im Weg Josephs finden sich Grundprägungen und existentielle Befindlichkeiten unseres Menschseins wieder. Was früher war, kann auch heute noch bedeutsam sein, reicht hinein in unsere Gegenwart, mit Licht und mit Schatten. Auch, wenn es zunächst nur an den Rändern und Grenzen unserer Existenz aufscheinen mag. Denn gerade den Tod, den schieben wir gerne an diese Grenzen und Ränder. Bis wir dann doch damit konfrontiert werden und uns diese Grenzen ganz nahe sind.

Manchmal, auch heute, versuchen wir Wasser aus diesem Brunnen der Vergangenheit, der Erinnerung zu schöpfen. Wir hören die Namen unserer Verstorbenen, entzünden Kerzen, denken an das, was sie auch für uns und unser Leben waren. Das soll uns Kraft geben, den Abschied zu gestalten, neue Wege zu gehen, aber auch das an diesen Menschen festzuhalten, das für uns weiter von Bedeutung ist.

 „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ – das gilt ebenso für unsere Lebensgeschichten. Manchmal brauchen wir Zeiten, in denen wir unser eigenes Leben überdenken. Das Erinnern heute kann so eine Zeit sein. Wir fragen nach unseren Geschichten und Prägungen. Woran erinnere ich mich gerne in meinem Leben? Und was fällt mir schwer zu erinnern?

Natürlich sind solche Expeditionen zum eigenen Ich keine einfache Sache. Mal kann man lachen, sich freuen, und dann wird es auf einmal ganz ernst, schmerzt oder lässt einen einfach nur verstummen. Manches kommt ans Licht, was ich ganz zur Seite geschoben hatte. Aber es hilft, sich über sich selbst klar zu werden, die Gedanken zu ordnen, sich seiner eigenen Stärken zu besinnen und so dann seinen Weg gehen zu können.

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ Wir brauchen solche Expeditionen, in denen wir das eigene Ich genauer vermessen und kartographieren. Als mein Vater starb, gehörte zu den Dingen, die ich in seinem Nachlass fand, ein Stapel alter Briefe. Sie stammten aus dem 2. Weltkrieg. Es war der Briefwechsel, den meine Großeltern mit ihrem ältesten Sohn Heinrich geführt hatten. 1943, mit gerade 17 Jahren, war er zur Wehrmacht eingezogen worden. Die letzten Briefe meiner Großeltern waren allerdings ungeöffnet zurückgekommen. Die Feldpost hatte sie zurückgeschickt, die Einheit Heinrichs war irgendwo in Ostpreußen überrollt worden, er selbst seitdem verschollen. Meine Großeltern haben dann auf ihn gewartet, eigentlich den Rest ihres Lebens. Erst 1980, kurz vor dem Tod meines Großvaters, wurde er für tot erklärt.

In den Briefen bemerkte ich die Angst der Eltern, die sich hinter dem eifrigen Versenden von Essenspaketen und warmen Socken verbarg. Ich spürte die Unsicherheit des Sohnes, der seine Eltern irgendwie beruhigen wollte. Ich hielt die Bilder meines Vaters in der Hand, die er mit neun Jahren für seinen Bruder an der Front gemalt hatte.

Erst beim Lesen dieser Briefe wurde mir klar, wie stark mein Vater durch diese Vergangenheit geprägt worden ist. Er war derjenige, der in die Fußstapfen des Bruders treten musste. Seine Eltern erwarteten das. Auch beruflich hatte er dann eigentlich keine Wahl. Er musste Hof seiner Eltern übernehmen, obwohl er sicher andere Begabungen hatte. Aber so war es eben. Der Bruder im Osten verschollen, blieb gegenwärtig. Ich erinnere mich gut an sein Bild im Wohnzimmer meiner Großeltern. Noch immer habe ich im Gedächtnis, wie oft mein Vater von ihm sprach. Es hat ihn nie losgelassen, wenngleich er sich das wohl nie richtig eingestanden hat. Irgendwie hat das auch mich geprägt, ist in mir präsent, obwohl der Krieg schon mehr als 70 Jahre her ist. Aber das gehört wohl zum Brunnen der Vergangenheit und seiner oft nicht ermessbaren Tiefe.

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit – heute kommt aus diesem Brunnen die Stimme des Apostels Paulus zu uns: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ Das schreibt er in einem Brief an die Gemeinde in Philippi.

Paulus, der Apostel: ein widerständiger, ein zerrissener Mensch. Mit viel Begeisterung, aber auch einer Vergangenheit, an der er sich abarbeitet, die immer wieder präsent ist. In seinen Briefen kommt er darauf zu sprechen. Diesen Satz vom Leben und Sterben schreit er aus dem Gefängnis. Zuversicht soll er geben, Trost. Paulus scheint mit sich und seinem Leben im Reinen zu sein. Ja, sagt er, es kann jetzt zu Ende gehen. Mehr noch, schreibt er, sogar Lust empfinde er, aus der Welt zu scheiden. Wohl auch deshalb, weil er mit sich, seinem Gott, seinem Leben im Frieden ist. In der Begegnung mit Jesus Christus, so will er es wohl sagen, hat er ein Leben gewonnen, das ihm niemand nehmen kann, auch nicht der Tod. So wird das Sterben zu Gewinn.

Dennoch, sagt Paulus, ist es um der Gemeinde willen, besser, wenn er noch am Leben bleibt, sein Werk fortsetzen kann. Gott hat wohl etwas vor mit ihm. Da kommt noch was, das spürt er.

„Christus ist mein Leben“ – ja, in vielem kann ich das auch sagen. Mein Glaube ist mir wichtig in meinem Leben, oft gibt er mir Halt. Aber, dass mir Sterben jetzt zu einem Gewinn würde, das geht mir kaum über die Lippen. Und auch bei vielen der Abschiede, an die wir heute denken, kann man das wohl nicht ohne weiteres sagen, auch wenn vielleicht in dem einen oder anderen Fall von schwerer Krankheit der Tod einer Erlösung gleichkommen mag. Als Trost können wir uns das dann sagen, mehr aber auch nicht.

Sterben ein Gewinn? Bei den Abschieden, der wir nehmen mussten? Wo soll da der Sinn sein? Alles Vergangen?  Aber gibt es das, vergangen? Unsere Vergangenheit, auch unsere Abschiede gehen mit uns mit. Im Erinnern merken wir, das nichts wirklich vorbei ist, das etwas bleibt.

Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn – ja, das wünsche ich mir sagen zu können, wenn ich einmal mein eigenes Ende vor Augen habe. Aber jetzt, da gibt es noch so viel, was ich tun möchte, was mir, aber auch anderen wichtig ist. Da kommt noch was. Das Erinnern, auch an meine Geschichte, meine Abschiede, gibt mir Kraft, diese Wege, die da noch kommen, zu gehen.

Der Glaube setzt unsere Abschiede in eine Perspektive der Hoffnung. Christus ist mein Leben meint auch: kein Leben ist ganz umsonst gelebt. Deshalb ist das Gedenken, das Erinnern so wichtig. Deshalb lohnt es sich, die Wege des eigenen Lebens weiterzugehen. Gerade heute, am Übergang vom Toten-, vom Ewigkeitssonntag in den Advent hinein.  Ja, der Brunnen auch unserer Vergangenheit ist tief…

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ In Thomas Manns Roman wird das Erkunden des Brunnens zugleich zur Reise in die Freiheit. Der Brunnen hält Kräfte des Segens wie des Trostes bereit. In ihn zu schauen, führt zu den Quellen des eigenen Lebens. Deshalb ruft Mann seinen Lesern zu: „Hinab denn und nicht gezagt.“ Aber nicht ohne zuvor zu bemerken: „Auch der Geist sei mit dir und gehe in dich hinein, damit du gesegnet seist mit Segen oben vom Himmel herab und mit Segen von der Tiefe, die unten liegt.“

Foto: kemai/Photocase

Kategorien Predigten CN