Veröffentlicht von Ebba Zimmermann am Mo., 12. Nov. 2018 11:00 Uhr

Predigt am 11. November 2018 (Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres)
in der Magdalenenkirche  

Superintendent. Dr. Christian Nottmeier  

Predigttext: Hiob 14, 1-6  

Liebe Gemeinde,  

wann kommt das Reich Gottes? Wann kommt es endlich?  Wann sehen wir das Gott und nicht die Mächte dieser  Welt herrschen? Wann kommt Erlösung und Befreiung?

So wird Jesus im Evangelium gefragt. Groß sind die  Erwartungen und Hoffnungen dieser Frage. Und voll  Vertrauen auf Gottes Macht. Die Fragenden wissen  vom Leid und Schmerz in der Welt und sie halten es  nicht mehr aus. Sie wollen, dass es anders wird.  Und sie wissen, dass sie das nicht allein ändern  können, sondern dass Gott eingreifen muss.  

Aus diesem tiefen Wunsch, dass die Welt sich ändern muss, dass Leid und Tod und Schmerz doch einmal überwunden werden müssen, so sind die großen Bilder vom Untergang, von der Verwandlung der Welt und schließlich auch vom Gericht entstanden, die uns gerade am Ende des Kirchenjahres immer wieder begegnen. Sie wollen eigentlich nicht Angst machen, sondern Hoffnung wecken. Weil Gott doch nicht fern sein kann, weil Gott doch so nahe ist. „Herr, du bist unsere Zuflucht für und für“, so heißt es im 90.Psalm.  

Ganz anders ist das für Hiob. Da ist nichts mehr davon, dass Gott die Zuflucht ist. Seine Gotteserfahrung sieht viel mehr so aus:  

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.  

Der Mensch, klein, unbedeutend – und dann lässt Gott ihn nicht in Ruhe, überzieht ihn mit seinem Zorn, seinem Gericht, seiner unmenschlichen Härte. Ruhe will Hiob vor diesem Gott haben, einfach nur Ruhe. Stattdessen folgt für ihn aber eine Katastrophen-, ja eine Hiobsbotschaft auf die nächste. Für Hiob ist Gottes Nähe zum Albtraum geworden.  

Dabei war ganz lange nahe bei Gott. Wandelte nach seinen Geboten. Führte ein anständiges, erfolgreiches Leben. Als die Katastrophen hereinbrechen hält er daran fest, alles richtig gemacht zu haben. Zu groß sind sie auch, um sich selbst die Schuld geben zu können. Seine Freunde reden anders. Sie reden auf ihn ein. Du bist selber schuld. Du bist nicht gottesfürchtig genug. Du lebst nicht fromm genug. Kein Wunder, dass du alles verloren hast.  

Hiob hat sich das auch selbst gefragt. Immer wieder hat er versucht, auch das Schwere aus Gottes Hand zu nehmen, wo er doch auch Gutes empfangen hat. Doch nun ist die Schmerzgrenze erreicht. Es schreit aus ihm heraus. Ich halte das nicht mehr aus. Hiob ist verzweifelt. Wütend und böse ist er auf Gott. Hiob will sich nicht mehr fromm in sein Schicksal fügen. Er klagt Gott an. Aber eigentlich, eigentlich will er mit diesem Gott nichts mehr zu tun haben. „Der Mensch geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“  

Wann kommt das Reich Gottes? Wann hört das Leid endlich auf? Heute, am 11. November, denken wir zurück an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Hoffnung verband sich damit. Dass die Kriege auf der Welt endlich aufhören würden. Doch die Hoffnung verflog schnell. Was kam, war kein dauerhafter, kein gerechter Frieden. Das Reich Gottes? Im 20. Jahrhundert kam es jedenfalls nicht, nein, es wurde alles noch schlimmer und gipfelte in die Katastrophe des 2. Weltkrieges, in Rassenwahn, Antisemitismus und Massenmord. „Der Mensch geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. … So blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat.“ Was Hiob von Gott sagt, das gilt im 20. Jahrhundert gewiss auch für die Menschen. Lebenszeit ist so begrenzt, so individuell kostbar. Und dennoch stürzen sich Menschen in Hass und Gewalt und nehmen sich das bisschen Leben.  

Zeichen der Hoffnung gab es gleichwohl. In New York sitzt am 11.11.1918 Moina Michael während die Nachrichten vom Kriegsende in Europa eintreffen, in ihrem Büro des „Christlichen Verein junger Frauen“, dem weiblichen Gegenstück zum YMCA, de CVJM. Sie hilft bei der Ausbildung ziviler christlicher Helfer, die in den Lazaretten und Versorgungstationen hinter der Front ihren Dienst tun. An diesem Morgen ist sie tief bewegt von einem Gedicht: „Auf Flanderns Felder wogt der Mohn, zwischen den Kreuzen…“ Das Gedicht ist ziemlich patriotisch und mündet im Bild eines sterbenden Soldaten, der die Fackel des Kampfes weiterreichen will.

Moina Michael fühlt sich unmittelbar angesprochen. Sie empfindet es als ihre Aufgabe jetzt, wo der Krieg zu Ende ist, nicht die Fackel des Kampfes, wohl aber Erinnerung weiterzutragen. Die Millionen Opfer sollen nicht umsonst gewesen werden, nicht vergessen werden, sondern auch die Lebenden mahnen. Damit dies der letzte Krieg bleibt. Und sie beschließt rote Mohnblumen zu kaufen, zu Erinnerung und zur Mahnung. Mit dieser Idee begeistert  sie eine kleine Gruppe junger Männer, die gerade zu ihr gekommen sind.  Auch sie wollen sich rote Mohnblumen an die Kleider stecken, um zu erinnern und zu gedenken. Künstliche Mohnblumen zu bekommen, erweist sich selbst in New York als nicht ganz einfach, aber es gelingt.

Zurück in ihrem Büro, heftet sie die Blumen aus Seidenpapier an das Revers der jungen Frauen und Männer, die bald nach Frankreich aufbrechen. So beginnt der Siegeszug der Remembrance Poppies, die in der englischsprachigen Welt zum Inbegriff des Erinnerns an die Toten werden. Auch in diesen Tagen kann man sie vielfach sehen. Ein Symbol des Erinnern, des Hoffens, aber ebenso der Mahnung. Eine Blume, die über die Jahrzehnte nicht gewelkt ist, trotz aller Katastrophen, die noch kommen sollten.  

Und wir? „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,  geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“

Das Leben ist so schnell vorbei. Und bis dahin ist der Mensch voll Unruhe. Wie lange wird es uns noch gut gehen? Wie sollen wir uns entscheiden? Wie mache ich es richtig? Manche Ängste treiben uns. Aber wir brauchen auch Kräfte, die sich diesen Ängsten entgegenstellen, die uns Mut machen, gleichsam gegen alle Leiden, Scheitern an zu glauben. Bilder der Hoffnung brauchen auch wir, vielleicht ganz klein, ganz unscheinbar, so wie Moina Michaels rote Mohnblume aus Seidenpapier.  

Hiob, in seinem Leid, scheint Gott verloren zu haben. Er will nur seine Ruhe. Auch Beten kann er nicht mehr. Aber er will Gott nicht so einfach davon kommen lassen. Deshalb klagt er Gott an, ringt mit ihm. Zum Teil ist das schwer zu lesen und noch schwerer zu ertragen.

Sein Unglück findet Worte und wird zur Klage. Vielleicht liegt darin ein erster Schritt zur Besserung. Denn es ist gut, wenn wir solche Worte der Klage finden. Wenn wir unseren Schmerz nicht verhehlen, nicht unehrlich sind vor Gott, sondern ihm auch unseren Schmerz und unseren Zweifel klagen.  

Hiobs Geschichte dann endet wie ein Wunder, ja geradezu märchenhaft. Am Ende stirbt Hiob glücklich, alt und lebenssatt. Viel ist daran auch immer wieder kritisiert worden. Zu  märchenhaft, zu sehr Happy End wie in einem Hollywoodfilm.

Aber vielleicht ist solcher Wunderglaube nicht so einfach abzutun. Der, dem es gut geht, der gesund ist, hat leicht reden. Aber wer im Unglück ist, der ist vielleicht auch dem Wunder näher. In einem modernen Hiob-Roman lässt der Schriftsteller Joseph Roth seinen Hiob einmal sagen: „Wer kein Unglück hat, glaubt auch nicht an Wunder.“ Vielleicht kann man auch sagen: wer im Unglück auf ein Wunder hofft, der hält am Leben fest. Und selbst, wenn es nur kleine, unscheinbare Bilder der Hoffnung sind. Wer weiß, welche Kreise sie ziehen?  

Wann kommt das Reich Gottes? So wurde Jesu gefragt. Nicht mit äußeren Gebärden, sondern inwendig in euch, so antwortet er. Es bricht sich Bahn unscheinbar, auch und gerade im Dunkel des Lebens. Oft erkennt man die Spuren erst im Rückblick. Und es bricht sich Bahn in Glaube und Liebe und Hoffnung.  

Amen.

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