Veröffentlicht am Mo., 5. Nov. 2018 14:16 Uhr

Predigt zum Reformationstag 31. Oktober 2018  

Superintendent Dr. Christian Nottmeier  

Predigttext: Gal 5, 1-6
1: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!"
6: "Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist."  

Liebe Gemeinde!

„Zur Freiheit hat euch Christus befreit!“ So ruft Paulus uns mit Ausrufezeichen an diesem Festtag zu. 501 Jahre Reformation – das gedenken wir heute, im Jahr danach gleichsam, nach dem großen bundes-, ja weltweit gefeierten Jubiläum im vergangenen Jahr.  

Nicht nur in Deutschland war das etwas Besonderes, sondern in vielen Teilen der Welt wurde das gefeiert. Ich stand im vergangen Jahr um diese Zeit auf der Kanzeln einer großen reformierten Kirche in Pretoria. Reformierte gibt es viele in Südafrika, aber so einen richtigen Lutheraner, einen deutschen dazu, trifft man nicht so oft. Und so hatte ich viel zu tun, konnte erzählen und erklären, was das mit Luther und der Reformation so auf sich hatte und was die Botschaft der Reformation heute denn sein könnte. Da kann man viel ausholen, viel historisch erklären, aber damit ist noch nicht soviel gewonnen. Denn was das passiert ist, in Wittenberg vor 501 Jahren, ist ja nicht nur mit einer mehr oder weniger zutreffenden Geschichte von einem Hammerschlag am Aushangbrett der Universität getan. Das muss ja Bedeutung haben, auch heute noch. Natürlich kann man dann von Rechtfertigung reden, von Gnade, von der Schrift, die allein Grundlage des Glaubens sein soll. Aber ebenso muss man es doch auf einen Begriff bringen, der auch noch heute, für unser Leben, für unsere Fragen von Bedeutung ist. Denn wir leben nicht in Wittenberg im Jahr 1517, sondern in Berlin, in Pretoria oder an anderen Orten dieser Welt im Jahr 2018.  

Wer als Pfarrer in Berlin lebt und arbeitet weiß allem Feiertagspathos zum Trotz: Der Reformationstag ist ein sperriger, widerständiger Gedenktag, der unter ständigem Legitimationsdruck steht. In Berlin ist er trotz des Reformationsjubiläums des vergangenen Jahres noch immer nicht Feiertag, obwohl er das in den fünf neuen Ländern seit 1990 ist und in vier norddeutschen Ländern seit diesem Jahr. Aber wie dem auch sei: Wer an diesem Tag Schulgottesdienste hält, kann ein Lied davon singen, dass – nicht nur – bei den Kinder Halloween längst bekannter ist als der – ebenfalls nicht nur – für Kinder schwer übersetzbare Sinn dieses Tages. Will man jetzt der Spielverderber sein, der erklärt, eigentlich sei der 31. Oktober doch der Reformationstag, aber die böse Werbeindustrie hat leider andere Interessen, und daher käme die komische Sache mit den Kürbissen, dem Verkleiden usw.?   

Dagegen scheint es mir sinnvoller zu sein, sich das religiöse Profil und Thema des Reformationstags bewusst zu machen und entsprechend zu schärfen. Ich möchte dazu den Begriff gebrauchen, der sowohl für Paulus in unserem Predigttext und ebenso für Luther eine zentrale Rolle spielte und der heute noch aller Ehren wert ist. Es ist der Begriff der Freiheit. „Zur Freiheit hat euch Christus befreit“, ruft Paulus seiner Gemeinde in Galatien zu. Luther schärft seinen Deutschen – und nicht nur diesen – immer wieder den rechten Gebrauch der christlichen Freiheit ein, und auch heute, unter veränderten Bedingungen bleibt Freiheit ein Ziel, eine Sehnsucht ein Ideal, ist gleichsam, um einen Song von Westernhagen aufzunehmen, der nicht nur 1990 gesungen und manchmal auch gegrölt wurde, vielleicht wirklich das einzige was zählt.

Am Reformationstag muss und soll also von der Freiheit die Rede sein, die der Glaube schenkt. Freiheit kann und muss man dabei wohl doppelt verstehen, als Freiheit von etwas, das von mir abfällt, wovon ich befreit werde. Aber ebenso als Freiheit zu etwas, Freiheit gleichsam als eine Lebenshaltung, die auf ein Ziel hin orientiert ist.  

Für Luther war das, was dann in die Reformation einmündete, zunächst eine zutiefst persönliche Frage. Dabei ging es zunächst gar nicht um Freiheit und Selbstbestimmung, sondern um Sünde und Gnade und im letzten Kern v.a. um Angst. Angst nicht nur vor dem Versagen, sondern Angst um das eigene Seelenheil. Martin Luthers Zeit war eine Zeit der großen Angst: vor Seuchen und Krieg, vor Armut und Obdachlosigkeit! Die Kirche spielte damals  mit der Angst der Menschen, machte jedenfalls in Teilen ein Geschäft daraus.  Tut fromme Werke! Spendet, gebt Geld in den Ablasstopf! Dann könnt ihr sicher sein, dass ihr nach den Leiden dieser Welt in den Himmel kommt. Eindeutige Antworten für komplexe Probleme gleichsam. Wenn ihr genügend für Gott - und das heißt für die Kirche - tut, wenn ihr damit Gott gnädig stimmt, dann kann euch alles egal sein, was hier passiert, dann habt ihren einen Platz im Himmel sicher.

Luther ist an diesen Drohungen und diesem Anspruch fast zerbrochen. Die Angst vor sich selbst, die Angst vor Gott drohte in fast aufzufressen.  

Angst ist menschlich. Wir wissen um die Gefährdungen unseres Lebens und unserer Welt. Angst muss zugelassen, besprochen, bearbeitet werden. Man kann sie nicht verdrängen und leugnen. Aber Angst ist keine gute Triebfeder für das Handeln. Die, die die Angst ausnutzen, versuchen Sicherheit vorzugaukeln, wo es v.a. um eine letzte Ehrlichkeit auch sich gegenüber geht. Für Luther bedeutete das die Einsicht, dass er sich sein Heil nicht erarbeiten konnte. Dass ich mein Heil nicht selbst in der Hand haben, dass es Gnade, Geschenk, Gabe Gottes ist: Das war Luthers befreiende Erkenntnis, das war die christliche Freiheit, die dann in die Reformation und ihren tiefgreifenden Veränderungen einmündete. Das war die Kraft, die alle Angst überwinden konnte und den Predigern, den Profiteuren, denen, die mit der Angst ihre wirtschaftliche, religiösen oder politischen Geschäfte trieben, diametral entgegenstand – und das nicht nur damals, sondern auch heute.  

Wenn wir Reformationstag feiern, dann erinnern wir uns an diese Erkenntnis christlicher Freiheit. Wir wissen dabei auch, dass diese Idee christlicher Freiheit auch in den evangelischen Kirchen oft nicht Ernst genommen worden ist. Immer wieder ist, so wie Paulus das auch für die Gemeinde in Galatien beschreibt, ein Joch der Knechtschaft, sei es im Namen einer Lehre, einer Person, einer Anpassung an die politischen Verhältnisse, errichtet worden. Zu oft hat auch die Kirche, nicht zuletzt bei Reformationsfeiern, sich in den Dienst anderer Mächte oder auch ihrer eigenen Machtinteressen nehmen lassen.  

Tatsächlich ist Luthers Erkenntnis für eine Institution schwer zu ertragen. Denn wenn ich als Mensch unmittelbar von Gott ergriffen und gerecht gesprochen werde, wir er mir unverwechselbare Würde schenkt, dann kann und soll ich das zwar in Gemeinschaft mit anderen leben. Dazu ist Gemeinschaft, dazu ist Kirche nötig, aber nicht heilsnotwendig. Ja, indem Luther jedem die Schrift, die Bibel in die Hand drückte, kann und soll auch jeder und jede beurteilen, was da in der Kirche gesagt und verkündigt wird. Für den, der sich evangelisch nennt, gibt es im strengen Sinn keine objektiven Wahrheiten, die geglaubt werden müssen, wenn sie nicht durch das eigene Innere gegangen sind und vom eigenen Verstand und Gewissen anverwandelt und angenommen worden. Auch das gehört zur christlichen Freiheit dazu.  

Um nicht missverstanden zu werden: Weder Luther noch Paulus ging es dabei darum, dass der Mensch gleichsam mit seiner Freiheit auf sich selbst gestellt ist und nun völlig losgelöst handeln könne. Der Mensch weist eine Bindung auf, die nicht aus ihm selbst kommt. Das ist für beide die Beziehung zu Gott, die Beziehung zu Christus. Sich auf Gott zu gründen setzt aber zugleich die Erfahrung voraus, dass ich mein Leben und meine Freiheit nicht mir selbst, nicht eigener Leistung und Fähigkeit verdanke, sondern dass sie ein Geschenk ist. Das ist das Heilmittel gegen menschliche Allmachtsphantasien, gegen den Wahn, alles selbst in der Hand haben zu müssen und die Angst, damit letztlich nur scheitern zu können. Das ist die entlastende Botschaft der Reformation, die so jenseits aller Angst und jenseits alles Leistungs- und Erfolgsdruck jedem Menschen eine von Gott geschenkte Würde zusichert.  

Christliche Freiheit gegründet im Glauben, der in der Liebe tätig ist und so zugleich individuelle Würde und Personsein in Gott gründet. Wenn es im Anschluss an ein berühmtes Diktum Kants über die Maxime der Aufklärung eine entsprechende Maxime des Protestantismus gibt (der für mich unlöslich mit der Aufklärung verbunden ist), dann müsste diese lauten: „Habe den Mut, dich deiner christlichen Freiheit zu bedienen.“  

So verstanden, geht es am Reformationstag um Gottvertrauen, um Freiheit, um Menschenwürde. Es geht darum, sich den Mächten der Angst und der Ausgrenzung entgegenzustellen. Wer freilich nach einigen Jahre des Auslandsaufenthaltes in dieses Land zurückkehrt, sieht zu einem vielleicht deutlicher, welche Chancen, Potentiale und welchen Reichtum unser Land hat. Er sieht aber auch, wie sich das politische und gesellschaftliche Klima verändert hat. Wie stark die Spaltung, die Polarisierung unserer Gesellschaft vorangeschritten ist. Streit, auch harte sachliche Auseinandersetzungen, sind gut, wichtig und notwendig. Ängste und Sorgen um die Zukunft, viele nicht unberechtigt, sind gewiss vorhanden. Probleme, Herausforderungen, nicht nur in den Fragen von Integration, von Zuwanderung, von innerer wie äußerer Sicherheit, aber ebenso in den Fragen nach Globalisierung oder Klimawandel, müssen und sollen benannt werden. Aber die Ängste, die damit verbunden sind, dürfen nicht zu selbstsüchtigen Interessen politischer Extremisten missbraucht werden. Ich komme aus einem Land, das gerade in den vergangenen Jahre wieder schmerzvoll erlebt, wie Ängste, soziale Ungleichheit und Rassismus ganz verschiedener Bevölkerungsgruppen eine Gesellschaft, die man schon auf dem Weg der Heilung und Versöhnung wähnte, neu zu zersetzen droht.  

Eine Gesellschaft zu spalten, ist relativ leicht, Zusammenzuführen, ja zu Versöhnen, ein langes und mühevolles, aber gewiss unendlich lohnendes Geschäft. Wer spaltet, führt Menschen in die Knechtschaft, in die Unfreiheit, in die Spirale der Angst. Wer – allem notwendigen Streit inbegriffen – überzeugt, versöhnt, zusammenführt, der nimmt die Würde und Freiheit der Menschen Ernst. Kirche soll und wird nicht parteipolitisch sein: aber sie soll da ihre Stimme erheben, wo Extremisten von rechts wie links Freiheit, Menschenwürde,  Demokratie und Rechtsstaat gefährden. Kirche will versöhnen, nicht spalten. Und sie will das, so wie wir das in Neukölln auch in der Zusammenarbeit mit dem Bezirk wie der Zivilgesellschaft in den vielfältigen Bezügen von Bildung, Diakonie und Sozialarbeit, nicht nur für sich, sondern als Kirche für andere. Denn zur Freiheit gehört die Verantwortung. Deshalb gibt es keinen Grund zum Verzagen, auch wenn wir als Protestanten zahlenmäßig weniger werden. Das heißt ja nicht, dass wir in diesen Zeiten weniger wichtig werden!  

„Zur Freiheit hat Christus uns befreit!“ So lesen wir es bei Paulus und hören es bei Luther. Und das gilt dann auch mit Bick auf unser eigenes Leben.  Ja, der Mensch scheint dann von Gott geradezu dazu bestimmt zu sein sich als Persönlichkeit frei zu entfalten und sich kreativ auszuleben. Freilich stoßen wir bei allem Freiheitstaumel dann auch wieder rasch an unsere Grenzen. Denn ebenso stelle ich fest, dass es durchaus schwierig ist, frei zu sein. Ich stelle bei mir eine verhängnisvolle Tendenz fest, mich selbst zu entmündigen und mich freiwillig unter die Herrschaft von anderen zu begeben. Frei zu sein, überfordert mich schnell. Wie verlockend ist es, Verantwortung abzugeben und andere entscheiden zu lassen! Das „Joch der Knechtschaft“, über das Paulus so abwertend schreibt, empfinde ich auf einmal als „sanft“ und seine Last als „leicht“ - gemessen an der Zumutung, frei und selbst selbstverantwortlich zu sein.  

Deshalb braucht die Freiheit das Ausrufezeichen, das gegenseitige, gemeinschaftliche Erinnern: „Zur Freiheit hat Christus uns befreit! Habe Mut, dich deiner christlichen Freiheit zu bedienen!“ Freiheit und Verantwortung sind Partner in diesem Geschehen: eins ist ohne das andere nicht zu haben. Paulus und auch Luther kommen deswegen immer auch auf die Liebe zu sprechen, ohne die die Freiheit nicht bestehen kann. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen, brauchen die richtige Balance: Nichts anderes hat Martin Luther mit seiner Doppelthese am Anfang seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ versucht, in jener berühmten Formulierung zu beschreiben: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“.

Amen.

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