Veröffentlicht am Di., 7. Aug. 2018 09:00 Uhr

Predigt am Israelsonntag, 5. August 2018, 10. Sonntag nach Trinitatis in der Ev. Kirche Neu-Buckow

Superintendent Dr. Christian Nottmeier, Ev. Kirchenkreis Neukölln
Predigttext: Jes 62,  6-12

Liebe Gemeinde,

im Urlaub waren wir auf Spurensuche. So kann man das wohl beschreiben. Nach sechs Jahren Südafrika endlich einmal Urlaub in Deutschland. Wir haben das genutzt, um unseren Kindern die Orte zu zeigen, an denen meine Frau ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Und so waren wir u.a. in Schleswig, wo meine Schwiegereltern in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren gelebt haben. Das Haus, das sie da in einem kleinen Dorf gebaut haben, steht noch. Meine Frau hat viele Kindheitserinnerungen an diesen Ort. Der Bäcker, bei dem sie als Kinder immer eingekauft haben, die Grundschule, der Bauer um die Ecke und auch die Kirche mit einem alten Kirchhof mit wunderbaren Bäumen, die gerade in der Hitze Schatten spenden. Wir sind das abgefahren und abgegangen. Die Zeit liegt lange zurück, Bekannte oder Freunde haben wir in dem Dorf nicht. Eigentlich sind wir Fremde, aber für meine Frau mit ihren Erinnerungen fühlt es sich wie Heimat an. Schließlich kaufen wir noch etwa Gebäck beim Bäcker. Meine Frau wird von einer Dame um die 60 bedient. Sie kommen in ein kurzes Gespräch, meine Frau erzählt, dass sie hier einmal gelebt hat. Die Verkäuferin fragt, wo im Dorf genau, meine Frau nennt die Straße. „Dann bist du die Tochter vom Eberhard“, sagt die Verkäuferin. „Dann bist du Lilli oder Gritt“, fügt sie hinzu und schließt gleich an: „Du musst Lilli sein.“ Für meine Frau war es ein besonderer Moment. Ein Stück Heimat eben, schwer zu beschreiben, verbunden mit den Kindheitserinnerungen, wohl auch einer Erfahrung von Geborgenheit. Offensichtlich brauchen wir Menschen so etwas wie Heimat, auch wenn wir es manchmal nur schwer beschreiben können. Manchmal vielleicht sogar erst dann, wenn wir diese Heimat verlassen haben oder ihr entwachsen sind.

Um Heimat, um Beheimatung geht es auch in dem Predigttext am heutigen Sonntag. Es geht um Zugehörigkeit, um Hoffnung und Sehnsucht, auch um Verlust und Erinnerung an diesem 10. Sonntag nach Trinitatis. Und es geht dabei auch um die Träume und Geschicke des Volkes Israel. Wir hören Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja:

„Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums. Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.“

Sehnsucht nach Heimat, nach Hoffnung und Neuaufbruch. Dass die Trümmer der Vergangenheit beiseite geräumt werden, dass ein Neuanfang möglich ist. Das ist der Traum, der uns im Jesajabuch überliefert. Dieser Traum hat einen konkreten Ort, seit nun schon 3000 Jahren. Er verbindet sich mit Jerusalem, dieser ebenso schönen wie zerrissenen Stadt, Ort aller drei großen Weltreligionen. Was hier Heimat ist, wer ein Heimatrecht hier hat, das ist bis heute umstritten. Für die jüdische Religion jedenfalls ist Jerusalem ein Sehnsuchtsort seit 3000 Jahren. Immer wieder zerstört, erst von den Babyloniern, dann von den Römer, über Jahrhundert für Juden nicht zugänglich, heute – wenn auch nicht überall anerkannt – Hauptstadt des Staates Israel.

Nächstes Jahr in Jerusalem – so haben Juden über Jahrhundert einander in der Verstreuung gegrüßt und so die Sehnsucht nach der alten Heimat gepflegt. Eine Heimat, die kaum einer mehr als Ort kannte, die aber als Ort selbst für Befreiung, Erlösung, für das Ende von Verfolgung und Diskriminierung – nicht zuletzt durch die christlichen Mehrheitsgesellschaften – stand, ein Hoffnungsort, wo das Leben endlich einmal ganz und Gott wirklich gegenwärtig ist. Wo die Verheißungen der jüdischen Bibel, auf die auch dieser Jesajatext vielfach anspielt, einmal Wirklichkeit werden.

In der Zeit, in der dieser Traum im Jesajabuch niedergeschrieben wird, ist das Volk aus dem Exil zurück, es wohnt wieder in und um Jerusalem. Aber die Anfänge sind klein und bescheiden, der Tempel alles andere als prachtvoll, die Zukunft unsicher und gefährdet, das Land noch immer besetzt. Es geht also nicht nur um die Stadt, die schon ist, sondern um das, was noch kommen soll, das himmlische Jerusalem, die Stadt Gottes, das himmlische Jerusalem, wie dieser Text dann auch in der Offenbarung des Johannes aufgenommen wird. Und es geht um Gott in dieser Hoffnung, um die Frage nach seiner Gegenwart, um seine Präsenz, aber auch um seine Verborgenheit. Warum sind die Anfänge so kümmerlich? Warum zeigt er sich nicht klarer?

Sehnsucht nach Heimat, Verlangen nach Gottes Gegenwart, nach Sinnerfüllung in meinen Leben, all das verbindet sich in diesen Worten des Jesaja. Wir wissen: Heimat wird gesucht, wird gefunden, wird aufgebaut, geneidet, verteidigt und manchmal auch zerstört. Um Heimat wird gerungen, politisch, gesellschaftlich, aber auch in meinen eigenen Inneren. Da kann ich sie auch spüren, mich danach sehnen. Heimat finden, nicht nur an Orten, die vielleicht schon längst vergangen oder ganz anders geworden sind, sondern ebenso in den Beziehungen, mit den Menschen, die zu mir gehören. Heimat aber auch in dem Ort, an dem ich lebe, in den Traditionen, die mir wichtig sind, Heimat auch in der Gemeinde. Ja, wo liegt sie, diese Heimat, wo genau eigentlich, die mehr ist als nur ein Ort, aber doch irgendwie auch an ihn gebunden?

Diese Heimat, sie soll nun gefunden und gesichert werden, so träumt Jesaja. Der Weg zu ihr soll freigeräumt werden. Immer neu muss das wohl geschehen. Das, was mich von meiner Mitte, von meinem Lebenssinn trennt, das soll keine bestimmende Kraft mehr haben. Damit das Leben gefeiert und wir sicher wohnen können, so träumt es Jesaja. Aber wie bereitet man sich vor? Und wer räumt den ganzen Schutt beiseite?

Nicht ich selbst kann das tun, nicht ich, nicht Jesaja, nicht Israel und nicht die Christenheit. Das beinhaltet der Traum vom neuen Jerusalem, den Juden und Christen nicht mehr gegeneinander, sondern in vielen doch auch miteinander träumen sollen. Denn die Idee des neuen Jerusalems verbindet sie ebenso wie die Orientierung am Doppelgebote der Liebe, das wir im Evangelium gehört haben. Wichtig dabei ist: Nicht wir alleine räumen die Steine weg und machen die Straße frei. Sondern Gott erinnert sich seiner Zusagen und seiner Verheißungen: Die Niederlage gegen die Babylonier, der Abtransport ins Exil, die Zwangsabgaben, all das hebt die Verheißungen Gottes nicht auf. Genau das macht Neuanfänge möglich, spricht gegen reine Verzagtheit und Aufgeben. Räumt die Steine hinweg! Das heißt: Den Schutt könnt ihr beiseite schieben. Baut alles wieder auf, was zerstört ist! Gott wird seine Verheißungen wahr machen. Und ihr könnt euch darauf vorbereiten. Machet Bahn! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Weil wir auf Gott vertrauen, der uns durch Leben führt, auch durch die Niederlagen und Katastrophen. Denn das heißt glauben, selbst dann, wenn Gott uns dunkel zu sein scheint, wir ihn nicht mehr spüren können. Wir vertrauen auf Gott, wenn wir eine Niederlage erleben, welcher Art auch immer. Größer als jede mögliche Niederlage ist Gottes bleibende Verheißung an die Welt. Das war der Traum, der uns unter dem Namen des Jesaja überliefert ist.  Gott lässt diese Welt nicht allein. Bereiten wir uns darauf vor. In den Heimaten, die wir erfahren und erinnern. Und ebenso da, wo wir Heimatlosigkeiten spüren. In diesen Spannungen bewegen sich unser Leben und unser Glaube. In ihnen liegt die Unruhe unseres Herzens, das wohl erst in Gott seine Ruhe finden. Aber genau in diesem Glauben, dieser Sehnsucht und dieser Hoffnung liegt die Freiheit der Kinder Gottes. Sie liegt auch darin, dass Gott uns das zusagt, was wir gleich singen: „Ja, ich will euch tragen. (…) Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.“ (EG 380).

Amen.

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